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GEOLOGIE UND WEINBERGSBÖDEN WÜRTTEMBERGS

Vom Gestein zum Boden

von Dr. Dietmar Rupp, LVWO Weinsberg

Die Landschaft

Vom Oberlauf bei Tübingen bis vor die Tore Heidelbergs ist der Neckar die Hauptader des württembergischen Weinbaugebiets. Auf 250 Flußkilometern nimmt er seinen Weg vorbei an den Juraschichten der Schwäbischen Alb, berührt südöstlich von Stuttgart das Keuperland und schneidet sich in tiefen Windungen durch den Muschelkalk nach Norden. Zum wesentlichen Gestalter der heutigen württembergischen Weinlandschaft wurde der Neckar seit dem Einsinken des Oberrheingrabens vor 25 Millionen Jahren. Durch den daraus entstandenen Höhenunterschied wurde sein abfließendes Wasser mit so hoher Erosions- und Schleppkraft versehen, daß er zusammen mit seinen Gehilfen Kocher, Jagst, Murr, Enz und Rems und deren Zuflüssen im Laufe der Zeit die heutige Landschaft herausmodellierte.

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Je nach Härte und Widerständigkeit der anstehenden Gesteinsschichten bildeten sich flache oder steilere Hänge, wechseln weite Talauen mit extremen Prallhängen oder finden sich im Keuper tiefe Klingen und sandige Hochebenen. Abgelöstes Material hat sich jahrtausendelang in den Tälern abgelagert. Während den Eiszeiten kam es im halbaufgetauten Boden zu Hangrutschungen sowie zur Anwehung von mächtigen Lößdecken.

Im Untergrund

In einem Aufsatz über den hiesigen Weinbau aus dem Jahre 1915 begegneten dem Professor Meißner, dem damaligen Direktor der Weinsberger Weinbauschule, " in Württemberg vier ganz verschiedene Bodenarten."

Tatsächlich sind von Gundelsheim am Neckar bis zum Neuffener Schloßberg am Fuß der Schwäbischen Alb (520 m ü.N.N.) im Verlauf von rund 370 Höhenmetern unterschiedlichste Gesteinsformationen als Ausgangsmaterial unserer Weinbergsböden anzutreffen.

Mit einer Ausnahme handelt es sich durchweg um sogenannte Sedimentgesteine, also Ablagerungen in urzeitlichen Meeren oder Produkten der eiszeitlichen Vergletscherung wie dem bereits genannten Löß. Offen zutage liegende Ablagerungen in unserem Raum gehen zurück bis in die Trias, einer Zeitspanne zwischen 200 und 250 Millonen Jahren vor unserer Zeit. Der Name "Trias" (= "Dreiheit") für einen mächtigen "Dreierpack" geologischer Formationen wurde übrigens durch den Heilbronner Geologen Friedrich von Alberti (1795 -1878) eingeführt. Als Bergingenieur erschloß von Alberti die Salzvorkommen von Bad Friedrichshall.

Aufbauend auf dem rötlichen Buntsandstein, haben sich in der Trias der Muschelkalk und die mit Sandsteinbänken durchzogenen Tonmergelschichten des Keupers abgelagert.

Geologisch gesehen jünger und nach Meeresniveau höher liegt nur noch der kalkige Jura-Untergrund für den Neuffener Täleswein, der Vulkanboden der Metzinger Hofsteige oder der eiszeitliche Moränenschotter bei Kreßbronn.

Als einziges sichtbares Buntsandsteinvorkommen innerhalb des württembergischen Weinbaugebiets sind am Talgrund des Kocher zwischen Ingelfingen und Criesbach rötliche Tonsteinlagen aufgeschlossen. Ursache hierfür ist die sogenannte Niedernhaller Verwerfung, eine starke Verschiebung der geologischen Schichten.

Wie entsteht ein Boden?

Böden sind der oberste verwitterte Teil der Erdkruste. Festes Gestein zerfällt unter dem Einfluß von Temperaturschwankungen oder der Sprengkraft von Salzkristallen oder gefrierendem Wasser. Eisenhaltige Minerale oxidieren und ergeben die bräunliche Bodenfarbe. Sickerndes Wasser führt Kalk und andere Stoffe fort, Wurzeln zwängen sich in Gesteinsklüfte und aus der Streu der Pflanzen bildet sich Humus.

Die Ausprägung unterschiedlicher Böden wird vom Ausgangsgestein, dem Klima, der Vegetation sowie der jeweiligen Landschaftsform verursacht. Auf kalkreichen Gesteinen wie den Keupermergeln wird beispielsweise ausgewaschener Kalk ständig aus Vorräten ersetzt. Im Gegensatz zu kalkarmem Ausgangsmaterial tritt daher hier keine Versauerung auf.

An Steilhängen verhindert die andauernde Erosion die Ausbildung tief verwitterter Böden, während in den Tälern die dortige Bodenbildung mit bereits aufgewittertem Material beliefert wird. Nicht ohne Grund gelten Schwemmlandböden als fruchtbar und wurden schwere Gipskeuperhänge von jeher ungern unter den Pflug genommen.

Seit tausend Jahren rigolt - die Weinbergsböden

Bei den Weinbergsböden hat der Mensch durch das Rigolen in die Bodenbildung eingegriffen, die ursprüngliche Schichtung verändert und einen einheitlichen, für die Rebe gut durchwurzelbaren Rigolhorizont geschaffen. Vor allem auf skelettreichen Standorten oder bei schweren, tonhaltigen Böden konnte dadurch die Wasser- und Nährstoffzufuhr für die Reben verbessert werden. Bereits den Römern waren die Effekte des Rigolens bekannt. In karolingischer Zeit (8. - 9. Jahrhundert), als man die Mehrzahl der deutschen Reblagen erstmals mit Reben bepflanzte wurde über einen Meter tief "gerodet".

Aus dem 17. Jahrhundert sind Rigolarbeiten überliefert, bei denen bis zu 3 Meter tiefe Rigolgräben ausgehoben wurde. Rigolen war bis in unsere Zeit harte Knochenarbeit. Quer zum Hang wurde zunächst ein Rigolgraben ausgehoben und der Aushub mit der Erdenbutte nach oben geschafft. Anschließend wurde die hangaufwärtige Grabenwand unterhöhlt, so daß die Erde kopfüber in den Graben stürzte. Dieser Vorgang des Grabens und Unterminierens wurde solange wiederholt, bis man am oberen Teil der Rigolfläche angekommen war und man den letzten halbgefüllten Rigolgraben mit dem zu Beginn gewonnenen Material einebnen konnte.

Gründe für das Rigolen finden sich sehr drastisch beschrieben im Weinbaulehrbuch des Cannstatter Feldmessers Johann Michael Sommer aus dem Jahr 1791. Dieser erklärte den schlechten Wuchs abgängiger Rebflächen dadurch, daß " die Schuld bloß daran liege daß der Weinberg nicht tief genug umgeritten worden, daß also die zarten Wurzeln, wie es doch die Vernunft hätte lehren sollen, in einem so starken Boden nicht tief genug eingeschlagen worden, wodurch sie bey kaltem Wetter erfrohren, und bey dürrem Sommer verdorret sind."

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