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Blattgallmilben (Eriophyes vitis)

- schädlich oder gar nützlich??

 

Von Dr. W. K. Kast und H.-C. Schiefer
LVWO Weinsberg

Bis vor kurzem wurden Blattgallmilben eindeutig als Schädling, wenn auch von untergeordneter Bedeutung, eingestuft. Der Befall durch diese Milben verursacht auffällige Symptome (Abb. 1 + 2), die auch jedem Laien sofort ins Auge fallen. Neuere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass Blattgallmilbenbefall sogar positive Folgen haben kann. In diesem Fall wären diese Tiere eigentlich als Nützlinge einzustufen.

 

Abbildung 1: Frische Pocken durch Pockenmilbe im Mai ausgelöst

 

Abbildung 2: Pocken mit Filzhaaren auf der Unterseite der Blätter

Zum Schaden durch Blattgallmilben

Blattgallmilben überwintern in den Rebknospen. Ab dem Austrieb besaugen sie die Epidermiszellen (Schutzschicht der Blätter und sonstigen grünen Teilen). Ihr Speichel löst dabei ein übermäßiges Wachstum aus, was zu den Gallen führt. Ein Teil der Epidermiszellen wächst zu Haarzellen heran, so dass sich an den besaugten Stellen (normalerweise der Blattunterseite) ein dichter Haarfilz bildet. Die Saugtätigkeit betrifft jedoch nicht das assimilierende Gewebe. Selbst die besaugten Epidermiszellen bleiben intakt. Das befallene Blatt behält seine volle Leistungskraft. Die der Rebe entzogenen Stoffe sind sehr gering und schlagen nicht zu Buche.
Nimmt der Befall extreme Ausmaße an, wird auch die Blattoberseite besiedelt und die Blätter stark deformiert. In diesem Fall ist die Leistungsfähigkeit des betroffenen Blattes sicher reduziert. Von solchen extremen Symptomen sind immer nur einzelne Blätter an der Basis des Triebes betroffen, so dass selbst in diesen Fällen der Schaden sehr begrenzt ist.
Während des Hauptwachstums der Reben besiedeln die Folgegenerationen zwar schubweise wieder einzelne Blattetagen. Dabei kommt es aber in seltensten Fällen zu Populationsdichten, die die Leistungsfähigkeit der Reben beeinträchtigen.
Bei sehr hohen Dichten besiedeln Blattgallmilben auch die Gescheine. Meist ist die Spitze des Gescheins betroffen (Abb. 3). Der weiße Haarfilz und die Störungen durch den Speichel der Tiere verhindern das Weiterentwickeln des Gescheins zur Blüte. Der befallene Teil wird braun und verkümmert. Dadurch ist sicher eine gewisse Ausdünnung möglich. Schruft (1967) ermittelte einen 25 % geringeren Ansatz an befallenen Gescheinen. Von reichtragenden Sorten und Klonen kann dieser Verlust weitgehend kompensiert werden. Unter Umständen ist durch die Menge-Güte-Beziehung eine weitere Kompensation möglich.
Es gibt bisher keinen einzigen Fall, in dem in Deutschland tatsächlich wirtschaftliche Einbußen klar dokumentiert sind.

Abbildung 3: Filzhaare am Geschein (eigentlicher Schaden)

Zum Nutzen der Blattgallmilben

Ein wichtiger Gegenspieler der Blattgallmilben ist die Raubmilbe (Typhlodromus pyri). Blattgallmilben sind für diese Raubmilbenart offensichtlich eine besonders geeignete Nahrung. Die Raubmilben erreichten in Fütterungsversuchen mit Blattgallmilben als Futter hohe Vermehrungsraten (Engel und Kast). Zum Vergleich sind noch einige andere Nahrungsquellen von Typhlodromus pyri angegeben. Ein gewisser Gallmilbenbesatz ist deshalb sicherlich förderlich für den Erhalt dieser wichtigen Nützlinge, ohne dass man befürchten muss, dass die Raubmilben die Blattgallmilben ganz ausrotten.
Blattgallmilben stellen aber nicht nur eine günstige Nahrungsquelle dar. Der von ihnen ausgelöste Haarfilz begünstigt zusätzlich die Raubmilben. Raubmilben halten sich sehr gerne an durch Haare geschützten Stellen auf, z. B. in den Achseln der Blattadern. Dort sind sie vor Austrocknung und anderen Räubern geschützt. Solche geschützten Stellen benötigen sie außerdem für die Eiablage. Auf Rebblättern mit Gallen findet man deshalb immer sehr viele Raubmilben (Kettner 1986).

Der Haarfilz der Blattgallmilbe ist ein bevorzugter Eiablageplatz der Raubmilben (Kettner 1986). Die jungen Raubmilben (Nymphen) können sich im Haarfilz sehr gut bewegen, sind dort optimal geschützt und leben inmitten einer idealen Nahrung. Eine rasche Vermehrung der Raubmilben ist dadurch gewährleistet. Dies ist besonders dann sehr wichtig, wenn die Raubmilben durch den notwendigen Einsatz schädigender Fungizide oder Insektizide dezimiert worden sind.

Schaden-Nutzen-Relation

Einem äußerst geringen Schaden durch Blattgallmilben steht ein nicht unbedeutender Nutzen gegenüber. Eine gezielte Bekämpfung dürfte nur in den seltensten Fällen wirtschaftlich sein. Oft ist der Schaden, den eine Bekämpfung anrichtet, weit größer als der Nutzen.
In integrierten Systemen ist ein Befall durch Blattgallmilben durchaus erwünschenswert. Die Maßnahmen sollten deshalb darauf ausgerichtet sein, die Blattgallmilben nicht zu stark zu dezimieren. Beobachtet werden müssten in solchen Systemen vor allen Dingen die nahe verwandten Kräuselmilben, die sich unter ähnlichen Bedingungen wie die Blattgallmilben vermehren.

Literatur

Schruft, G. (1967): Beobachtungen zum Gescheinsbefall durch die Pockenmilbe Eriophyes vitis Pgst. Deutsches Weinbaujahrbuch 18, 164 - 166
Kettner, J. (1986): Die Raubmilbe Typhlodromus pyri, Scheuten 1857 (Acari, Phytoseiidae) an der Kulturrebe Vitis vinifera L. - Untersuchungen an der Mittelmosel zur Biologie und Populationsdynamik sowie über Auswirkungen von Rebschutzmitteln.
Dissertation Universität Bonn
Engel, R. und Kast, W. K.:
Speisekarte der Raubmilbe Typholodromus pyri

 

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