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Der Brotgeber Trollinger ‑ eine besondere Herausforderung für den Weingärtner

R. Fox
LVWO Weinsberg

 

Gerade das vergangene Jahr hat erneut bestätigt, dass die Kulturführung des Trollingers eine besondere Herausforderung für den Weingärtner darstellt. Die außerordentlich hohe Fruchtbarkeit nach dem Qualitätsjahr 2003 hat zu enorm hohen Gescheinszahlen ‑ und Gescheinsgrößen geführt. Im Zusammenwirken mit den relativ hohen Niederschlägen in der Reifephase entwickelten sich extrem große Trauben, was besonders gegen Bogenende zu einem extrem schlechten Blatt‑/Fruchtverhältnis (BFV) führte. Wer hier nicht rechtzeitig und ausreichend entlastet hat, musste einen Großteil hängen lassen. Dies macht jedoch auch deutlich, dass sich unter solchen Verhältnissen mit noch so kurzem Anschnitt alleine ein ausreichendes BFV nicht erzielen lässt. Hier ist zusätzlich eine Ertragskorrektur notwendig. Dass diese Sorte stark auf Vorjahresbelastung reagiert, konnte unter anderem durch Zapfenschnitt mit Umstellung auf Bögen im Folgejahr und dann besonders hohen Erträgen nachgewiesen werden. Ähnlich stark wirken sich Ereignisse wie Frostschäden oder auch besonders gute Reservestoffeinlagerung auf den jeweiligen Ertrag des Folgejahres aus (siehe Tabelle 1).

 

Tabelle 1: Vorjahreseinfluss auf Trollingererträge

Frostschaden

1991

=

59 kg/a

Folgejahr

1992

=

353 kg/a

Frostschaden

2002

=

45 kg/a

Folgejahr

2003

=

268 kg/a*

Hohe Reserveeinlagerung in 2003

Folgejahr 2004 besonders hohe Erträge

*trotz Trockenheit


Einzelstockweise unterschiedliche Vorjahresbelastung in Folge von Bruchschäden beim Biegen, Erdraupenfraß oder auch mangelnde Ertragsentlastung einzelner Stöcke wirken sich ertragssteigernd bzw. im letzteren Fall ertragsmindernd aus. Gerade bei Trollinger sind deshalb innerhalb der Bestände vielfach erhebliche Unterschiede von Stock zu Stock im Behang einerseits sowie im Reifegrad andererseits zu beobachten. Solchen "Ungleichheiten" muss im Sinne eines ausreichenden BFV am Einzeltrieb sowie des Gesamtstockes, ausgewogener Stockbelastung bei hoher Güte konsequent entgegen gewirkt werden.


Zwei kurze Bögen haben sich bewährt

Langjährige Versuche mit unterschiedlichen Augenzahlen/m² sowie Fruchtholzlängen sprechen für den Anschnitt von zwei kurzen Halbbögen - siehe Abbildung 1. Eine geringere Augenzahl/m² ‑ 4,7 statt 6,0 ‑ mit einem langen Bogen, z. B. Flachbogen- oder Schrägbogenformierung, führt über den höheren Anteil besonders fruchtbarer Triebe nicht zur Ertragsreduktion. Das Mostgewicht fällt jedoch tendenziell sogar ab. Die im Mostgewicht tendenziell günstigste Variante 2 kurze Flachbögen ist wegen der hohen Bruchgefahr beim Biegen nicht empfehlenswert.

Kurze Fruchtruten sichern über die weniger hohe Fruchtbarkeit der belassenen Augen und damit günstigem BFV an der Mehrzahl der Triebe eine gute Qualität - siehe Abb. 2 sowie Übersicht1. Auch der geringere Anteil an Schwachtrieben spricht für kurze Fruchtruten. Die im Versuch selbst bei 2 kurzen Bögen erzielten, langjährigen Erträge und Mostgewichte, sind ohne jegliche Ertragsregulierung zustande gekommen und sollen den unverfälschten Einfluss eben der Fruchtholzlänge wie auch der Augen/m² aufzeigen. Die Praxis kann durch gezielte Korrekturen Übererträge begrenzen und die Qualität nochmals anheben. Dass der Pendelbogen der Vergangenheit angehören sollte, geht aus dem überhohen Ertrag bei gleichzeitig deutlichem Qualitätsabfall aus Abb.1 ebenfalls hervor.

Am Beispiel der Varianten 2 kurze Halbbögen sowie 2 kurze Flachbögen war gegenüber allen anderen Varianten eindeutig zu beobachten, dass langjährig verhaltene Belastung über verbesserte Reservestoffeinlagerung die Austriebsvollständigkeit verbessert und zur "Formerhaltung" der Stöcke beiträgt. Dies dürfte zu verlängerten Standzeiten beitragen und ist in die Gesamtbewertung mit ein zu beziehen.

Gerade beim Trollinger ist demnach die Kenntnis der pflanzenphysiologischen Eigenschaften wichtig, um eine "situationsangepasste" und damit sachgerechte Kulturführung betreiben zu können -siehe Übersicht 1.


 

Übersicht 1: Blauer Trollinger ‑ pflanzenphysiologische Eigenschaften

hohes Fruchtbarkeitspotenzial, ca. 5 Augen/m² ausreichend

basal gering fruchtbar, deshalb nur sehr bedingt für Zapfenschnitt geeignet

Traubenzahl und ‑gewichte nehmen besonders bei langen Bögen gegen Bogenende stark zu

die hohen Traubengewichte ergeben häufig ein ungünstiges Blatt‑/Fruchtverhältnis gegen Bogenende

bei langen Bogreben entstehen häufig viele Schwachtriebe mit extrem schlechtem Blatt‑/Fruchtverhältnis

bildet wenig Wasserschosse, treibt basal ungleich aus, dagegen am Bogenende besonders stark, überbaut gerne

reagiert sehr stark auf Vorjahreserträge und Witterung mit schwankender Fruchtbarkeit

verrieselungsunempfindlich, lange Vegetationszeit

setzt frühes, hohes Wasserangebot in enorme Beerengrößen/Erträge um

reagiert auf starken Wasserstress mit Qualitätsmängeln

ausreichende bis gute Wasserversorgung in der späten Reifephase fördert die Mostgewichtsleistung

stark ausgeprägte Menge‑/Gütebeziehung auf hohem Ertragsniveau

reagiert auf mehr oder weniger langen Anschnitt besonders stark in Menge und Güte

mittlere bis geringe Mostgewichtsleistung bei mittlerem bis geringem Säuregehalt



Übersicht 2 gibt Hinweise zu Lageansprüchen, Unterlagen und Erziehung.

 

Übersicht 2:Lageansprüche und Sorteneigenschaften

hat höchste Lageansprüche bei langer Vegetationsdauer

bevorzugt „kräftige“ Böden, hat hohe Wasseransprüche, versagt auf trockenen Standorten

früher bis mittlerer Austriebszeitpunkt

stark sowie eher buschig wachsend bei starker Geiztriebbildung

mittlerer Blütezeitpunkt bei sehr hoher Blühfestigkeit

spät reifend bei hohen Beerengrößen

Traubengewichte sehr hoch bei lockerem, geschultertem Aufbau

erhöhte Anfälligkeit gegenüber Schwarzfleckenkrankheit, Oidium und Stiellähme

geringe bis mittlere Holzreife bei geringer Winterfrostfestigkeit

geringe Botrytisanfälligkeit, chlorosefest, empfindlich gegen Sonnenbrand

 

Empfehlungen zu Unterlagen, Standraum und Drahtrahmen

die Unterlage 5BB ist aufgrund ihres guten Aneignungsvermögens für Wasser und Nährstoffe sowie des kräftigen Wuchses bei später Laubalterung besonders gut geeignet

ein Standraum von 2,4 ‑ 2,5 m² bei einem Stockabstand von 1,2 ‑ 1,25 m mit 2 kurzen Bögen haben sich als günstig erwiesen

der untere Biegdraht sollte ca. bei 70 ‑ 80 cm angeordnet sein, der obere 20 ‑ 30 cm darüber

die Gesamtlaubwandhöhe vom oberen Biegdraht an gemessen sollte möglicht 1,1 ‑ 1,2 m betragen

ausreichende Anzahl von Drähten und Drahtstationen bei nicht zu großen Abständen sind wegen des buschigen Wachstums empfehlenswert



 

Wassersparende Bodenpflege angesagt

Nachdem der Trollinger eine ausreichende Vitalität braucht und bei stärkerem Wassermangel die Mostgewichte stagnieren, ist wasserschonende Bodenpflege angesagt. Ausreichender Wuchs sichert über kräftige Triebe eher die notwendige Blattfläche je Trieb. Gerade in der späten Reifephase ist diese Sorte dankbar für hohe Wasser- und damit auch Nährstoffverfügbarkeit (Dreckpatscher). Dies drückt sich in überdurchschnittlicher Mostgewichtszunahme bei reichlicher Wasserversorgung in der Reifephase aus. Dass dabei auch die Erträge über noch größere Beeren ansteigen, ist weniger ein Problem, wenn vorher ausreichend reduziert wurde. Im Sommer, d. h. kurz nach der Blüte, sowie während der beginnenden Reife, fördert jedoch hohe Wasserverfügbarkeit enorm die Beerengröße - siehe Übersicht 1. Durch situationsangepasste Bodenpflege ist dementsprechend zwar für ausreichende, nicht jedoch üppige Wasserversorgung zu sorgen. Die Kombination Dauerbegrünung/Winterbegrünung in jeder 2. Gasse hat sich hier bewährt. In Terrassensteillagen dient vielfach die Abdeckung mit organischem Material der Sicherung der hohen Wasseransprüche.


 

Konsequente Ertragsregulierung nötig

Wegen der enormen Ertragsschwankungen und des vielfach einzeltrieb- oder auch stockweise überreichen Behanges und dem sich daraus ergebenden ungünstigen BFV ist eine Ertragsregulierung vielfach unumgänglich. Zunächst sollten bereits bei den Laubarbeiten zeitig alle Schwachtriebe entfernt werden. Stellt sich kurz vor Reifebeginn heraus, dass der Behang zu hoch ist, muss konsequent reduziert werden. Dabei kann die Reduktion auf 1 Traube/Trieb noch zu wenig sein. So wäre im Jahr 2004 bei dem jahrgangs- und sortenbedingt hohen Fruchtbarkeitspotenzial die Reduktion auf ½ Traube/Trieb richtig gewesen - siehe Abbildung 3. Wer gerade 2004 nicht rechtzeitig und ausreichend genug reduziert hat, musste vielfach später stockweise oder auch über ganze Anlagen hinweg einen Großteil hängen lassen. Dass bei Trollinger mit seiner hohen Fruchtbarkeit gegen Bogenende hier auch die Schwachstelle für die Qualität ist, ist geläufig und spricht für die Ausdünnung verstärkt in diesem Bereich.

 

Abb. 3: Links ganze, unreife, nicht verwertbare Traube, rechts halbierte, reife Traube in 2004

 

Ebenso wie zu späte "Grünlese" bei überlasteten Stöcken vielfach nur noch wenig oder nichts mehr "bringt", sind auch zu frühe Termine über die Ausbildung besonders großer Trauben selten zielführend. Stark überhangene und schwachwüchsige Bestände, jüngere Anlagen sowie wassergestresste Bestände, sollten früher ‑ ca. 3 Wochen vor Reifebeginn ‑ entlastet werden. In vitalen und weniger überhangenen Anlagen, hat sich der Termin kurz vor Reifebeginn bewährt. Die gezielte Entfernung unreifer Anteile bei weitgehender Verfärbung stellt nochmals eine gute Korrekturmöglichkeit dar, erleichtert die Lese und dient der Gleichmäßigkeit der Stöcke, was Holzreife, Frostfestigkeit und Fruchtbarkeit im Folgejahr angeht.

Qualitätssicherung bzw. ‑verbesserung bei dem pflanzenphysiologisch "reaktionsfreudigen" Trollinger setzt ein hohes Maß an Kenntnissen und Gespür für das Richtige voraus. Nur die richtige Kombination aller weinbautechnischen Maßnahmen ‑ siehe Übersicht 3 ‑ führt zum Ziel.

 

Übersicht 3: Qualitätssicherung bei Trollinger ‑ Zusammenfassung der weinbautechnischen Maßnahmen

standortgerechte Sortenwahl, beste Lagen mit langer Vegetationsdauer

Bodenpflegemanagement (jede 2. Gasse dauer‑/ bzw. Winterbegrünung) einschließlich organischer Düngung sowie N‑Düngung zur Sicherung bedarfsgerechter Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit bei sortenspezifisch ausgeglichenem Wuchs, ca. 60 kg N/ha

mittlere Stockbelastung bei 5 Augen/m² mit 2 kurzen Bögen bei 20 ‑ 30 cm Biegdrahtabstand

ausgeglichener Wuchs, Fruchtbarkeit und Qualität durch angepasste Stockbelastung bei Anschnitt und Ertragsregulierung, gleichmäßige Vitalität aller Stöcke

lockere, luftige Erziehung bei kurzer Bogrebenlänge und möglichst bodennaher Traubenzone (70 ‑ 90 cm)

ausreichendes Blatt‑/Fruchtverhältnis an allen Trieben anstreben, entfernen von Schwachtrieben, keine eingekürzten Triebe

termingerechte Ertragsregulierung (kurz vor Reifebeginn) auf 1 Traube/Trieb, bei besonders großen Trauben gegen Bogenende auf ½ Traube/Trieb einstellen

überhangene oder auch trockengestresste Bestände eher etwas früher und kräftiger entlasten

ausreichend belichtete, abgehärtete Trauben, rechtzeitige, moderate Auslichtung der Traubenzone zur Gesunderhaltung, Aroma-, Farbstoff- und Phenolbildung

möglichst späte Lese bei gutem Gesundheitszustand, hohe physiologische Reife sowie Aromareife

botrytisbefallene sowie grüne oder mangelhaft verfärbte, physiologisch unreife Anteile gezielt verwerfen

gezielte „Grünlese“ nach Reifebeginn reduziert den Anteil qualitätsmindernder Trauben

muss 1/3 oder gar mehr hängen gelassen werden ‑ wie dies 2004 nicht selten der Fall war ‑ so schwächt dies nicht nur den Stock, sondern auch der geerntete Großteil an Trauben leidet in seiner Qualität darunter



Gehen wir mit Herz an die sicher interessante und lohnende Aufgabe heran, um unseren Kunden in Zukunft besonders herzhafte, schöne Trollinger-Weine anbieten zu können.

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