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Einige wichtige Nützlinge in Weinbergen

Dr. W. K. Kast
Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg

 

Als Nützlinge bezeichnet man üblicherweise Organismen, die durch ihre räuberische oder parasitische Lebensweise "von Nutzen“ für die landwirtschaftliche Produktion sind.

In zunehmendem Maße erkennen Weingärtner, welche Bedeutung Nützlinge in Weinbergen auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten haben. Ihre Vernichtung durch einzelne Pflanzenschutzmittel insbesondere  Insektizide verursacht letztendlich Folgekosten, da der Effekt der Nützlinge bei der Niederhaltung von Schädlingen in diesem Fall durch weitere, zusätzliche Pflanzenschutzmittel ersetzt werden muss. Ein typisches, besonders auffälliges Beispiel hierfür sind die Spinnmilbenprobleme, für die überwiegend die Vernichtung von Nützlingen verantwortlich ist. Bevor im Weinbau verbreitet Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden, waren Spinnmilben im Weinbau (bis um 1920)außerordentlich selten schädlich und werden in Fachbüchern aus dieser Zeit als "Rarität“ abgehandelt.

In der weinbaulichen Praxis werden Nützlinge häufig nicht bewusst vernichtet, sondern einfach aus mangelnder Sachkenntnis.
Im folgenden Beitrag sollen deshalb einige dieser Nützlinge vorgestellt werden.

 

Florfliege (Crysopa spec.)

Florfliegen (Abbildung 1) sind Nektarsauger. Sie sind immer dort zu finden, wo viele Blüten vorhanden sind (Abbildung 2).

Abbildung 1: Florfliege geschlechtsreifes Tier

Abbildung 2: Florfliege auf der Nahrungssuche

 

Ihre Eier legen sie auf einem ca. 4 mm langen Stiel ab (Abbildung 4). Die daraus schlüpfenden Larven (Abbildung 3) sind außerordentlich gefräßige Räuber. Sie vertilgen sowohl Spinnmilben, deren Sommer- und Wintereier, aber auch Heu- und Sauerwürmer. Sie packen ihre Beute mit extrem kräftigen Kieferzangen. Neben Spinnmilben gehören auch Eier und Raupen des Traubenwicklers zu ihrer Beute.

Abbildung 3: Florfliegenlarve

Abbildung 4: Ei der Florfliege

 

Kamelhalsfliege (Raphidia notata)

Ein ähnlich aussehendes, jedoch sehr charakteristisches Insekt, ist die Kamelhalsfliege (Abbildung 5). Sowohl die Larven als auch die erwachsenen Tiere (Imagines) leben räuberisch. Leider ist diese Tierart in Weinbergen bereits sehr selten. Da sie relativ lange lebt und sich langsam vermehrt, wird sie von Insektiziden extrem stark betroffen. Ein einmaliger Einsatz eines Insektizids vernichtet die komplette Population.

Sichelwanzen (Nabis spec.)

Sichelwanzen (Abbildung 6) sind ca. 7 mm groß und leben von größeren Insekten. Sie saugen mit ihrem langen Rüssel sehr gerne Traubenwicklerräupchen aus. Die Larven verstecken sich ähnlich wie Raubmilben am Stielansatz unter Borstenhaaren des Blattes (Abbildung 7). Sie vermehren sich immer dann sehr stark, wenn vermehrt Spinnmilben auftreten und dezimieren die Population dann sehr rasch.

 Abbildung 6: Sichelwanze

Abbildung 7: Sichelwanzenlarve

Blumenwanze (Anthocoris nemorum) 

Die ca. 4 mm großen Blumenwanzen (Abbildung 8) leben als erwachsene Tiere vorwiegend von Blattläusen, die sie in begrünten Anlagen reichlich finden.

 

 Abbildung 8: Blumenwanze

 

Die Larven sind zunächst nicht viel größer als Spinnmilben und können sich zunächst von Spinnmilben auf Reben ernähren. Schon für etwas größere Larven müssen aber Blattläuse am Unterwuchs (Unkräutern) als Nahrung bereitstehen. Eine große Blattlauspopulation bildet sich z. B. bei der Einsaat von Ackerbohnen.

 

Schwebfliege (Episyrphus balteatus)

Die Schwebfliegen (Abbildung 9) selbst leben von Nektar und Pollen. Die Maden leben von Blattläusen. Da die einzige Blattlaus, die Reben befallen kann ‑ die Reblaus ‑ durch das biotechnische Verfahren "Pfropfrebenanbau“ praktisch 100 %ig bekämpft wird, können diese Larven nur an den Blattlauskolonien auf den Begrünungspflanzen leben. Zwar sind Schwebfliegen für den Winzer nicht direkt nützlich, wenn sie jedoch häufig auftreten, ist das ein Hinweis auf eine insgesamt reichhaltige Nützlingsfauna.

Abbildung 9: Schwebfliege 

Weichkäfer (Rhagonycha fulva)

Weichkäfer (Abbildung 10) leben zum Teil von abgestorbenen Pflanzenteilen (Pollen u. a.). Sie fangen aber auch gerne andere Insekten. Zum Beispiel lauern sie auf Doldenblüten auf anfliegende Schmetterlinge, die dort nach Nektar saugen. Sie sind extrem gefräßig. Auch auf Rebstöcken machen sie häufig Jagd, wobei ihnen viele Heuwürmer zum Opfer fallen. Ihre Larven leben überwiegend am Boden und vertilgen dort u. a. kleine Schnecken.

Abbildung 10: Weichkäfer

 

Spinnen (Araneae)

Spinnen sind relativ unspezifische Räuber. Ihnen fallen von den Rebschädlingen vor allen Dingen die Schmetterlinge (Traubenwickler, Springwurmwickler, Rhombenspanner) zum Opfer. Relativ häufig findet man die Kürbisspinne (Abbildung 11) und die Gartenkreuzspinne  (Abbildung 12). Diese Spinnen fangen ihre Beute mit Netzen. Weniger bekannt sind Spinnen, die ihre Beute "zu Fuß“ erjagen. Abbildung 13 zeigt eine solche Spinne, die Grüne Huschspinne. Diese Spinnart legt ihre Eier in ein zusammengesponnenes Rebblatt. Das Eigelege und die Jungtiere werden von der Mutter bewacht, bis die Nachkommen selbst auf Jagd gehen können. Die meisten Spinnen legen ihre Eier jedoch frei auf den Pflanzen in Kokons (Gespinsten, Abbildung 14) ab.

 Abbildung 11: Kürbisspinne

Abbildung 12: Kreuzspinne

Abbildung 13: Grüne Huschspinne

Abbildung 14: Eigelege einer Spinne

 

Raubmilbe (Typhlodromus pyri)

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind die Raubmilben für den Weingärtner die wichtigsten Nützlinge. Sie sind der bedeutendste Faktor bei der Niederhaltung der gefährlichen Schadmilben, Obstbaum- und Bohnenspinnmilbe sowie Kräuselmilbe. Schäden bei der Raubmilbenpopulation durch den Einsatz bestimmter chemischer Pflanzenschutzmittel führen oft unmittelbar innerhalb weniger Monate zu gravierenden Schäden an den Pflanzen durch Schadmilben. Abbildung 16 zeigt zwei Raubmilben. Eine davon saugt gerade eine Obstbaumspinnmilbe ("Rote Spinne“) aus. Man erkennt dies deutlich daran, dass sich der Darminhalt der ansonsten glasigen Raubmilbe rötlich verfärbt. Raubmilben halten sich in Ruhepausen sehr versteckt in Rebblättern auf. Häufig findet man sie in den Achseln der Blattadern unter Borstenhaaren, einem idealen Versteck ("Milbengarage“). Wie viele Pflanzen, schützen sich Rebstöcke vor Schadmilben, indem sie den Raubmilben solche Verstecke anbieten. Raubmilben sind in Wirklichkeit sehr klein (ca. ½ mm), mit bloßem Auge gerade noch als gelblich-weißer, beweglicher Punkt erkennbar. Auch wenn keine Spinnmilben vorhanden sind verhungern Raubmilben nicht.

Abbildung15: Raubmilbe mit Spinnmilbe

Abbildung 16: Raubmilben mit Nahrung im Darm sowie hungrige ohne Nahrung im Darm

Die Rebe bietet ihnen über sogenannte Perldrüsen, Ausstülpungen der Epidermis, Nahrung an (Abbildung 17). Auch von Pollen, die von Gräsern und anderen Pflanzen auf Reben geweht werden, können sich Raubmilben "vegetarisch“ über lange Zeit ernähren (Abbildung 18). Abbildung 19a zeigt eine solche Milbe extrem vergrößert. Sie hat 8 Beine und 1 Paar Kiefertaster. An diesen sitzen die in Abbildung 19b gezeigten Werkzeuge. Diese Werkzeuge entsprechen einer "Rettungsschere“, wie sie die Feuerwehr verwendet, in 1000facher Verkleinerung in Aussehen und Funktion. Sie dienen dem Aufschneiden der Panzerung ihrer Beutetiere. Das Beispiel der Raubmilben-Spinnmilben-Beziehung hat bereits vielen Weingärtnern den Nutzen dieser Tiere drastisch aufgezeigt. Im Weinbau sind, trotz der relativ intensiven Bekämpfungsmaßnahmen gegen die gefährlichen, aus Nordamerika eingeschleppten Pilzkrankheiten Peronospora und Oidium, nützlingsschonende Spritzfolgen relativ leicht möglich. Zur Bekämpfung der wichtigsten tierischen Schädlinge ‑ Reblaus und Traubenwickler ‑ stehen biologische (Bacillus thuringiensis) oder biotechnische Verfahren (Pfropfreben, Verwirrungstechnik) zur Verfügung. Der Verzicht auf chemische Insektizide verbessert die ökologische Situation in Weinbergen grundlegend, weil diese durch die Verwandtschaft ihrer Zielorganismen mit den Nützlingen besonders schädlich wirken.

Abbildung 17: Raubmilbe an Perldrüse

Abbildung 18: Ernährungsschema der Raubmilbe im Jahresverlauf

   

Abbildung 19a+b: Raubmilbe Typhlodrumus pyri

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