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Entblätterung der Traubenzone
Ein gestaltendes Element im Sinne der späteren Weinqualität

R. Fox, LVWO Weinsberg

Hohe Weinqualität bei ausgeprägtem Sortencharakter setzt gut belichtet herangewachsene, gesunde Trauben mit optimalen Aroma- Farbstoff- und Phenolgehalten bei möglichst spätem Lesetermin voraus. Nachdem die wertgebenden Inhaltsstoffe Aroma, Farbe und Phenole unmittelbar in der Schale gebildet werden und gute Belichtung hierzu förderlich ist, ist gezielte Entblätterung als gestaltendes Element in diesem Sinne vor allem bei Rotwein sehr effizient. Lockere Laubwand dient nicht nur der Verbesserung der Belichtung, sondern auch Belüftung und Abhärtung und verändert über die höheren Temperaturen in dem belichteten Anteil der Beerenschale den Stoffwechsel. Die Abhärtung der Beerenhaut ist mit eine der wichtigsten Voraussetzungen, um möglichst spät lesen zu können und damit das jahrgangs- und lagebedingt Maximale an Qualität zu gewinnen. Zeitige Auslichtung der Traubenzone ‑ etwa bei Schrotkorngröße ‑ führt über die zu diesem Zeitpunkt noch "lebenden" und damit reaktionsfähigen Epidermiszellen "zu besonders ausgeprägtem Abhärtungseffekt" und später zu wesentlich geringerem Botrytisbefall - siehe Abbildung 1.
Ab etwa Erbsengröße verlieren die Epidermiszellen zunehmend ihre "Reaktionsfähigkeit" auf äußere Reize, d. h. der Abhärtungseffekt ist nur noch sehr gering.

Abbildung 1: Durch frühe Entblätterung wird der Botrytisbefall am meisten reduziert

Gute Belichtung bereits in frühen Beerenentwicklungsstadien ‑ kurz nach der Blüte bis spätestens Erbsengröße ‑ fördert die Reaktionsfähigkeit der Zellen/des Enzymsystems insgesamt in der Beerenhaut und damit neben der Abhärtung auch die Bildung der Vorläufersubstanzen von Aroma, Farbe und Phenolen. Die verbesserte Laubwandstruktur in der Traubenzone führt zusätzlich zu einer wesentlich besseren Applikationsqualität, d. h. die Pflanzenschutzmittel gelangen auch dorthin, wo sie wirken sollen. Den in der Praxis gefürchteten Sonnenbrandschäden wird ebenfalls durch frühe Termine vorgebeugt, wie Versuche aus dem Jahr 1998 bei Riesling belegen. In folgender Übersicht sind die Vorteile einer zeitigen, moderaten Auslichtung sowie eventuelle Gefahren zu starker und später Entblätterung zusammengefasst.

Vorteile einer zeitigen und moderaten Auslichtung der Traubenzone

   

Bessere Belichtung und Belüftung der Trauben sowie der verbleibenden Blätter

 

Beerenhaut reagiert bis etwa Erbsengröße aktiv mit einer Verstärkung der Kutikula, Gewebehärtung

 

Verbesserte Applikationsqualität beim Pflanzenschutz

 

Geringerer Befall mit „Botrytis und Co.“, Essigfäule sowie Stiellähme

 

Förderung der Aromen-, (Terpene, Isoprenoide) Farbstoff- und Phenolbildung sowie des Apfelsäureabbaues durch höhere Beerentemperatur

 

Spätere Lese möglich

 

Höherer Anteil gesunder Trauben zur Erzeugung sortentypischer, aromareicher und farbstoffkräftiger Weine

 

Gefahren einer zu starken und zu späten Auslichtung der Traubenzone

   

Mangelnde Blattfläche zur Assimilateproduktion

  

Mostgewichtsverluste

   

Erhöhte Sonnenbrandgefahr

   

Schlechtere N-Versorgung der Moste

 

Zu starker Säureabbau durch hohe Beerentemperaturen besonders bei frühreifen Weißweinsorten von Nachteil

  

Wirkung auf Botrytis und Stiellähme nur noch sehr gering

  

Erhöhte Phenolgehalte bei Weißwein

 

Gefahr allgemein:

  

Selbst bei leichtem Hagelschlag mehr Schäden, da kaum schützendes Laubdach

  

Bei stärkeren Hagelschäden kommt es jedoch trotz „vollständigem Laubdach“ zu mehr oder weniger starker Traubenschädigung

Ergebnisse aus Versuchen im Jahr 2004

In einer Clevner-Anlage (Burgunder-Typ) mit Schrägbogenformierung wurden neben dem Vergleich die Varianten Handentblätterung sowie die Maschinen von Binger, Ero und Siegwald jeweils in zwei Intensitätsstufen kurz nach der Blüte (23.06.) eingesetzt ‑ siehe Abbildung 2. Der aufrechte Wuchs der Sorte ließ in Verbindung mit vorausgehenden guten Heftarbeiten ein nahezu optimales Entblättern in der Traubenzone zu. Kurztriebe waren ebenso kaum vorhanden wie heraushängende oder schrägstehende Triebe. Die "Entblätterungsintensität" in der hohen Intensitätsstufe geht aus Tabelle 1 hervor.

Tabelle 1: Entfernte Blätter/Trieb

 

Handentblätterung = 4,2

Maschinell:

Binger = 1,9

Ero = 2,3

Siegwald = 1,4


Eine straffe Laubwand lässt eine optimale maschinelle Entblätterung zu

Abbildung 2: Straffe Laubwand lässt eine optimale maschinelle Entblätterung zu



Bei Handentblätterung wurde mit über 4 Blättern/Trieb die höchste Zahl ausgezählt. Die aufgrund häufiger Teilentfernung/Teilschädigung schwieriger zu ermittelnde Blattzahlreduktion schwankte bei den Maschinenvarianten von 1,4 bis 2,3, wobei teils auch Trauben "eingekürzt" wurden -Ero, Abbildung 3 - bzw. Beeren "herausgeschossen" -Siegwald, Abbildung 4. Letzteres ist in diesem Entwicklungsstadium eher als erwünscht einzustufen und trägt seinerseits über die lockeren Trauben zu geringerer Botrytisanfälligkeit bei.

Bei der maschinellen Entblätterung "eingekürzte“ Traube

Abbildung 3: Bei der maschinellen Entblätterung "eingekürzte“ Traube


Mit dem Siegwaldgerät werden einzelne Beeren "herausgeschossen"

Abbildung 4: Mit dem Siegwaldgerät werden einzelne Beeren "herausgeschossen"


Die frühe, kräftige, beidseitige Entblätterung hat sich reduzierend auf die Einzelbeerengewichte wie auch die Traubengewichte ausgewirkt ‑ siehe Abbildungen 5 und 6. Der Biegsamkeitsindex ‑ Abbildung 7 ‑ als Maßstab für weniger kompakte Trauben war dann auch bei allen entblätterten Varianten eindeutig höher als im Vergleich. Entsprechend geringer war der später ermittelte Botrytisbefall. Hierbei war der Wirkungsgrad der Entblätterung in allen Varianten sehr hoch.

Abbildung 5: Durch frühzeitige kräftige Entblätterung bleiben die Beeren kleiner

Abbildung 6: Durch Entblätterung geminderte Traubengewichte

Abbildung 7: Kleinere Beeren ergeben weniger kompakte Trauben mit höherer Biegsamkeit

Im Ertrag lag parallel zu den kleineren Beeren sowie der geringeren Traubengewichte gegenüber dem Vergleich eine leichte Minderung, im Mostgewicht eine leichte Steigerung, vor. Trotz der kräftigen Entblätterung kam es aufgrund des insgesamt guten Blatt‑/Fruchtverhältnisses selbst in der Handvariante mit 4,2 Blättern/Trieb zu keiner Mostgewichtsminderung.

Wie aus Abbildung 8 hervor geht, stiegen die bei Rotwein besonders stark qualitätsprägenden Inhaltsstoffe: zuckerfreier Extrakt, Gesamtphenole, und Farbsumme durch die Entblätterung sehr deutlich an. Der Wein aus der entblätterten Variante war optisch schon wegen seiner deutlich dunkleren Farbe ‑ Abbildung/Eingangsbild mit Gläsern . ‑ als wertigerer Rotwein erkennbar. Wie dem Netzdiagramm ‑ Abbildung 9 ‑ zu entnehmen ist, wurde er bei der deskriptiven Verkostung in den positiven Attributen Brombeere, Phenolharmonie sowie Nachhaltigkeit/Körper gegenüber dem Vergleich als deutlich besser eingestuft und erhielt folglich auch im Rang eine bessere Stellung.

Abbildung 8: Auswirkung der Entblätterung auf qualitätsprägende Inhaltsstoffe bei Rotwein

Abbildung 9: Ergebnis der deskriptiven Verkostung bei "Vergleich" sowie "Entblättert"

Sortengerecht vorgehen

Nachdem vor allem bei Rotweinsorten die Entblätterung weit überwiegend Vorteile ergibt, stellt diese Maßnahme ein wichtiges "gestaltendes Element" im Sinne optimaler (Rot-)Weinqualität dar und sollte deshalb gezielt genutzt werden. Nachdem auch bei Weißweinsorten durch die Entblätterung höhere Beerentemperaturen entstehen, kann es dort bei intensiverem Eingriff zu unerwünscht starkem Äpfelsäureabbau sowie Aromenveränderung ,weg vom Sortentyp, kommen. Bei spätem Termin kann über die geminderten Aminosäurewerte im Most die Neigung zu untypischer Alterungsnote zunehmen oder auch die Entstehung eines Kerosintones (Kerner) gefördert werden. Deshalb sollte bei den Sorten Riesling, Kerner, Müller-Thurgau, Muskateller, Traminer, Silvaner, Sauvignon blanc wie auch dem Trollinger eher weniger stark sowie vor allem von der Ostseite her ausgelichtet werden. Ausnahmen bei den Weißweinsorten sind Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay, die durchaus ebenfalls frühzeitig und kräftig ausgelichtet werden können, ohne im Sortentyp "zu verlieren".

Um Nachteile in Richtung Weinqualität und Sonnenbrandgefährdung zu vermeiden, ist auf jeden Fall der Zeitraum bis spätestens Erbsengröße einzuhalten. Spätere Termine wirken sich kaum noch abhärtend auf die Beerenhaut aus und ergeben praktisch keine Vorteile gegenüber Botrytis.

Maschinelle Entblätterung

Bei exakten Laubarbeiten, Flach- bis Schrägbogen, weitgehend aufrecht stehenden Trieben und straffer Laubwand leisten die auf dem Markt befindlichen Geräte gute Arbeit. Traubenverletzungen können zum optimalen Einsatztermin, d. h. etwa bis Schrotkorngröße, vernachlässigt werden oder sind sogar erwünscht. Durch "scharfe Einstellung" der Geräte lässt sich im Stadium "in den Hang gehen" ein recht guter "Einkürzeffekt" an einem Großteil der Trauben erzielen. Gerade dies mindert später den Botrytisbefall oder auch den Anteil stiellahmen

Lesegutes und kann sogar das Blatt-/Fruchtverhältnis verbessern helfen indem das Fruchtgewicht stärker als die Blattzahl reduziert wird. Mit etwa 4 ‑ 7 h/ha entstehen Gesamtverfahrenskosten von 150,‑‑ bis 200,‑‑ €/ha bei 15 ‑30 ha Einsatzfläche. Die Einsparung bei Handlese liegt ohne eventuell noch eingesparten Selektionsaufwand bei 30 ‑ 40 h/ha. Wird ein geringerer Verlust durch Botrytis erzielt, oder auch der Aufwand für eine Ertragsregulierung verringert, so ist allein dadurch der Kostenaufwand mehr als abgedeckt.

Fazit

Die Entblätterung stellt ein wichtiges, gestaltendes Element im Sinne der Weinqualität dar. Termin- und sortengerecht eingesetzt, ergeben sich erhebliche Vorteile, was Aroma, Farbe und Phenole, Säureharmonie und Sortentypizität angeht. Kann aufgrund besseren Gesundheitszustandes später gelesen werden, so ergeben sich weitere Qualitätsvorteile. Gesundes Lesegut ergibt zusätzliche Vorteile für Verarbeitung sowie den Ausbau des Weines. Der Wehrmutstropfen Zeit- und Kostenaufwand, gerade während der sommerlichen Hauptarbeitsspitze, wird durch bessere Weinqualitäten, Einsparung bei Ertragsregulierungsmaßnahmen sowie der Ernte zumindest neutralisiert oder ins Gegenteil verkehrt.

Es gibt viel zu tun ‑ packen wir es an und gestalten die Weinqualität!

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