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Hagelschäden   Erfahrungen aus Versuchen

R. Fox
LVWO Weinsberg

Hagelschäden sind im Pflanzenbau allgemein, insbesondere jedoch im Obst- und Weinbau, sehr gefürchtet. Können im Weinbau leichte Schäden noch relativ gut verkraftet werden, sind angeschlagene Äpfel praktisch wertlos. Entscheidend für den Schaden im Weinbau ist die Stärke des Hagelschlages oder auch der Zeitpunkt. Kommt es erst im Spätsommer zu Schäden, sind praktisch keine besonderen Stockpflegemaßnahmen am Laub sinnvoll. Es kann lediglich durch angepassten Rebschnitt im folgenden Winter versucht werden, eine ausreichende Triebzahl mit möglichst guter Fruchtbarkeit sicher zu stellen. Hagelschäden bis etwa zur Rebblüte, d. h. ca. Mitte Juni, erlauben dagegen gezielte Eingriffe, um eine ausreichende Zielholzbildung mit möglichst guter Holzreife zu fördern. Wenn auch die finanziellen Ausfälle häufig durch die Hagelversicherung abgedeckt sind, so sind besonders bei extremer Schädigung vielfach nicht nur die Reben, sondern auch die Winzer geschockt. Trotz der bei den Weingärtnern in besonders häufig betroffenen Gebieten vorliegenden Erfahrungen mit Hagelschäden und ihren Folgen für die weitere Entwicklung der Kulturen, stellt doch jedes neue Er-eignis, was die Intensität sowie insbesondere das phänologische Entwicklungsstadium der Reben und den weiteren Witterungsverlauf angeht, eine neue Herausforderung dar.

Steigt die Hagelgefahr?

Die steigenden Jahresdurchschnittstemperaturen in den letzten 50 Jahren und die stärker ausgeprägten Witterungsereignisse mit längeren Hitzeperioden sowie häufigeren Starkniederschlagsereignissen, sprechen eher dafür als dagegen. Auch die verstärkten Sturmschäden sowie die regionalen Hochwasserereignisse deuten auf die Klimaänderung bzw. deren unliebsame Folgen hin. Wenn auch die Temperaturerhöhung im Weinbau insgesamt eher positiv zu bewerten ist, so werden wir uns zwangsläufig auch mit der Negativseite der Medaille abfinden müssen. Inwieweit künftig neben der Hagelversicherung auch ein direkter Schutz durch die Ausbringung von Hagelschutznetzen, wie sie z. B. vereinzelt z. B. in Norditalien angewendet wird, Eingang findet, bleibt dahingestellt. Ähnlich wie seither dürften Gebiete wie der Raum östlich von Stuttgart (Fellbach/Remstal) eben durch den verstärkten Einfluss der sich enorm erwärmenden Häusermassen der Großstadt und in der Folge stärkerer Thermik besonders betroffen sein. Die Beispiele der letzten Jahre zeigen aber auch in anderen Gebieten eine Zunahme von Starkniederschlägen mit verstärkten Erosionsschäden sowie auch Hagel bereits Mitte Mai (Horrheim 12.05.2000). Dass die Rebe selbst damit recht gut fertig wird und manches ausgleicht bzw. sich rasch wieder erholt und im Folgejahr meist normale Erträge bringt, ist zwar ein schwacher Trost, aber zumindest positiv.

Früher, starker Hagelschlag   grundsätzliche Überlegungen

Die Reben sind aus dem Gleichgewicht, da die hormonproduzierenden Triebspitzen fehlen und die Rebe nicht auf Austrieb "eingestellt" ist. Je nach Temperatur dauert es deshalb ca. 2  - 4 Wochen, bis sich der Hormonhaushalt auf Mobilisierung und Austrieb intakter Knospen (schlafende Augen am Altholz, ungeschädigte Knospen an grünen Trieben) eingestellt hat. Infolge der fehlenden Triebspitzen werden keine Hemmhormone gegenüber den Knospen am grünen Trieb gebildet, und es kommt zum weitgehenden Austrieb der dort bereits im laufenden Jahr angelegten, intakten Winterknospen. Nachdem hierbei verstärkt die höher stehenden Knospen an den stark geschädigten Trieben austreiben, ist ein baldiger Rückschnitt auf das unterste, intakte Auge sinnvoll, um die sich entwickelnde Wuchskraft zielgerichtet wirksam werden zu lassen.
Auch arbeitswirtschaftlich ist der konsequente Rückschnitt auf ein sichtbares Auge der späteren Korrektur durch Ausbrechen von Trieben vorzuziehen.

Dort, wo der Schaden sehr stark und die Zahl intakter Knospen an den jungen Trieben gering ist, ist damit zu rechnen, dass verstärkt schlafende Augen/Wasserschosse aus dem Altholz austreiben. Dies ist sortenspezifisch sowie in Abhängigkeit der Vitalität der Stöcke recht unterschiedlich.

Der – gerade um die Blütezeit – weitgehend entleerte Reservestoffvorrat (Energiereserven) führt zunächst zu einem "langsamen" Wachstumsbeginn. Infolge der langen Sommertage und des fehlenden oder äußerst geringen Traubenbehanges kommt es jedoch im Spätsommer/Herbst zu anhaltend starkem Wachstum mit verspätetem Wachstumsabschluss sowie verspätet einsetzender Holzreife. Dies bedeutet eine höhere und längere Anfälligkeit des Laubes sowohl gegen Peronospora als auch Oidium.

Ziele

Oberste Ziele müssen eine ausreichende Assimilationsfläche, ausreichende Trieblängen bzw. Triebstärken, gute Belichtung sowie gute Holzreife für das nächstjährige Anschnittholz sein. Nachdem bei sehr starkem Schaden kein bzw. kaum Traubenbehang vorhanden ist, ist im späteren Verlauf vereinzelt mit übermäßigem Wuchs – physiologisches Ungleichgewicht – zu rechnen. Um dem entgegenzuwirken, sollte jegliche Düngung sowie intensive mechanische Bodenbearbeitung unterlassen werden.

Eine gute Holzreife erfordert gesundes Laub und somit bei lang anhaltendem Triebwachstum im Spätsommer/Herbst einen ausreichenden Pflanzenschutz.

In Junganlagen bis etwa zum 3. Jahr ist je nach Schädigungsgrad der Stämmchen eine Neuaufzucht notwendig, um dauerhaft intakte Stämme zu erhalten.

Entwicklung nach extremem Hagelschlag am 05.06.2000  in Fellbach, phänologisches Stadium Vollblüte

Bei hohen Temperaturen zunächst baldiger Austrieb von ungeschädigten Winterknospen an den Triebstummeln sowie von schlafenden Augen am Altholz. Die relative Trockenheit (extrem hohe Tem-peraturen bis ca. 7. Juli bei weitgehend unbeschattetem Boden) Ende Juni/Anfang Juli sowie die mit den Niederschlägen ab etwa 8. Juli einsetzende recht kühle Witterung über den gesamten Juli dürfte neben der ungünstigen Reservestoffsituation mit verantwortlich für das spätere recht zögerliche Wachstum gewesen sein.  Das Laub war vielfach recht hellgrün in Verbindung mit der Unterlage Bör-ner häufig gelblich, was in Richtung Schwächechlorose dieser jungen Anlagen hindeutet.

Im August war bei ausreichender Bodenfeuchte und hohen Temperaturen endlich ein anhaltendes, je nach Anlage unterschiedlich starkes Wachstum zu beobachten. Die sich entwickelnden Geiztriebge-scheine bzw. späteren jungen Trauben wurden bei den anhaltend günstigen Temperaturen teilweise von Oidium befallen. Durch intensiven Pflanzenschutz sowie den Witterungsumschwung im September konnte der Befall jedoch eingegrenzt werden.
Im Folgejahr kann daraus je nach Sorte und Befallsgrad eine gewisse Gefahr der Zeigertriebbildung resultieren, denn die unter den gegebenen Bedingungen im August/September noch "offenen" Knospen ermöglichten dem Pilzmyzel in die Knospe hineinzuwachsen und hier zu überwintern. Der spätere Abschluss der Pflanzenschutzmaßnahmen war in Anbetracht des späten Wachstumsabschlusses absolut notwendig, um eine ausreichende Reservestoffbildung und Holzreife zu erzielen.
Die im September/Oktober anhaltend feuchte Witterung führte zu recht spätem Triebabschluss. Dieser war bei vitalen Anlagen nochmals verzögert. Bei einem relativ strahlungsarmen Herbst kam es nur sehr zögerlich zu fortschreitender Holzreife. Der späte, natürliche Laubfall im November/Dezember dürfte die Reservestoffeinlagerung jedoch unterstützt haben.

Generell dürfte es unter den gegebenen Jahrgangsbedingungen für die Rebstöcke/Reservestoffeinlagerung sicher von Vorteil gewesen sein, wenn die Geiztrauben bereits als Geschein entfernt worden wären.

Die Sorten Lemberger und Kerner zeigten einen besonders schwachen Neuaustrieb. Die Lemberger-Anlagen waren alle relativ jung und hatten naturgemäß geringere Reserven im Stamm und in den Wurzeln. Hinzu kommt der sicher im Vorjahr (1999) eher überdurchschnittliche Behang dieser jungen Anlagen.

Die Vitalität der Bestände sowie der Einzelstöcke dürfte einen deutlichen Einfluss auf den Neuaustrieb gehabt haben. Wahrscheinlich spielte auch der jeweilige Vorjahresertrag der Anlage/des Einzelstockes eine Rolle. Vitale Bestände mit "normalem" Vorjahresertrag dürften dabei nicht schlecht wegkommen.
Gestresste Bestände/Einzelstöcke/schwachwüchsige Anlagen zeigten einen erschreckend schwachen Neuaustrieb bei Trieblängen bis maximal 30 – 50 cm. Generell lag die Holzproduktion lediglich etwa bei 8-12dt/ha und damit recht niedrig. Junge Anlagen im 3. und 4. Jahr wiesen stockweise keinen bis verbreitet lediglich sehr schwachen Neutrieb auf. Hier ist stockweise ein Rückschnitt des Stammes auf ca. 30 cm sinnvoll.

Bei 2 jährigen Anlagen mit baldigem Grünschnitt auf ca. 20 cm bzw. bis auf den Veredlungskopf  haben sich neue Triebe in meist ausreichender Länge zum Stammneuaufbau entwickelt. Die parallele Aufzucht eines Wasserschosses in Konkurrenz zu oberen Trieben verlief selten erfolgreich. Hier war der Rückschnitt im folgenden Winter sinnvoll, was dann natürlich ein weiteres "Anzuchtjahr“ zur Folge hat.
Inwieweit die erheblichen Bastschäden am Stamm über die zusätzliche winterliche Frosteinwirkung sowohl bei jungen, aber auch alten Anlagen am zweijährigen Holz auf Dauer zu Maukebefall führen, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden.

Beobachtungen zum Grünschnitt

1. Stark geschädigte Bestände

Baldiger, extremer Rückschnitt der angeschlagenen grünen Stummel auf kurze Zapfen oder gar der Bögen auf ca. 1/3 der Länge plus Rückschnitt der grünen Stummel, haben sich als beste Varianten erwiesen.
Der Rückschnitt, beschränkt auf das "Stockinnere" oder die spätere Korrektur durch Ausbrechen von Trieben , war nahezu blanke Theorie. Hier trieben bevorzugt die Knospen im äußeren Bereich der Bögen bzw. im oberen Bereich der Triebstummel aus. Im Versuch bei Trollinger waren dann aber doch in der Regel Triebe für den Bogrebenanschnitt in der Stockbasis vorhanden. Die spätere Ge-scheinsauszählung ergab dann auch eine vergleichbare Fruchtbarkeit mit anderen Grünschnittvarianten.
In Horrheim traten bei zunächst nicht zurückgeschnittenen Triebstummeln im Laufe des Sommers starke Bruchschäden an den Trieben mit mehreren weiterführenden Geizen beim Pflanzenschutz, bei Gewittern sowie auch beim Vereinzeln (Aufbrechen) auf. Durch die Bildung mehrerer "Geiztriebe" auf den angeschlagenen Haupttriebstummeln, kam es zu einer starken Verdichtung und vielen schwächeren Trieben. Dies erforderte einen erheblichen Aufwand für die spätere Triebkorrektur. Auch die spätere "Biegbarkeit" angeschlagener Triebstummel mit "weiterführendem" Geiztrieb ist extrem schlecht, was bei früher, starker Schädigung für einen raschen, konsequenten Rückschnitt spricht. Vor allem bei Sorten mit basal schlechter Fruchtbarkeit kann später eher auf die unter solchen Bedingungen fruchtbareren Bögen statt auf Zapfen geschnitten werden.

2. Teilgeschädigte Reben

Auch hier war der Rückschnitt allein im basalen Bereich nicht zielführend.
Der Neuaustrieb bzw. die Laubentwicklung war insgesamt zufriedenstellend, jedoch im apikalen Bereich der Bogrebe bzw. am oberen Ende der geschädigten Triebe stärker als im basalen bzw. stammnahen Bereich. Je nach vorhandenem Holz bzw. Schädigungsgrad war hier ein später Zapfenschnitt nötig, der Anschnitt von Bögen möglich oder eine Kombination von beidem sinnvoll.

Junganlagen

Dort, wo die stark geschädigten jungen Stämmchen (2jährige) baldigst auf einen kurzen Stummel zurückgeschnitten wurden, konnten bis zum Vegetationsende Triebe in ausreichender Länge zum Stammneuaufbau wachsen. Wo erst später zurückgeschnitten wurde, kam es nur noch zu schwachem Neuaustrieb. Drei- und vierjährige Anlagen trieben an der Stammbasis nicht immer ausreichend aus, um den Stamm ersetzen zu können. Hier muss in den Folgejahren durch parallele Aufzucht von Wasserschossen für einen Stammneuaufbau gesorgt werden.

Erträge und Auswirkungen der Grünschnittmaßnahmen

1. Erträge

In den teilgeschädigten Beständen wurden keine extremen Eingriffe vorgenommen und auch keine separate Ertragserfassung vorgenommen. Die Erträge hingen weitgehend vom Schadensausmaß ab. Die total geschädigten Anlagen erbrachten praktisch keinerlei Trauben von Haupttrieben, weshalb sich die Grünschnittmaßnahmen hier nicht auswirkten. Je nach Sorte entwickelten sich hier jedoch mehr oder weniger viele Geiztriebtrauben. Bei allen anderen Sorten war der Behang oder auch die Reife so gering, dass sich eine Lese nicht lohnte. Nach Auskunft des Kellermeisters waren die Weine aus den Geiztriebtrauben  - gelesen ca. Mitte November - atypisch, ohne sortentypische Farbe und Aroma und trotz beachtlichen Mostgewichten, bei jedoch geringer Alkoholausbeute, recht aus-druckslos.


2. Fruchtbarkeit in 2001

Beim Trollingers lag die Gescheinszahl/Trieb bei den Grünschnittvarianten höher als bei unbehandelten Parzellen . Die benachbarten, nicht hagelgeschädigten Parzellen wiesen einen deutlich höheren Gescheinsansatz/Trieb auf. Beim Vergleich von "Ungeschädigt" und "Verhagelt" fällt auf, dass die Fruchtbarkeit bei "Ungeschädigt" mit zunehmender Insertionshöhe deutlich ansteigt, während dies bei "Verhagelt" nicht der Fall war. Dies deutet auf einen anhaltend angespannten Reservestoffhaushalt hin.

Wenn auch die Traubenzahl/Trieb bei geschädigten Anlagen deutlich unter derer unbeschädigter Flächen liegt, so ist doch durch die wesentlich höhere Triebzahl/m² eine nahezu gleich hohe, vielfach sogar höhere Gescheinszahl/m² vorhanden. Wenn auch die Gescheine kleiner, d. h. die Einzelblütenzahl geringer ist, so ist einerseits ein ausreichendes Fruchtbarkeitspotenzial vorhanden und andererseits aufgrund der hohen Triebzahl mit dichten Laubwänden zu rechnen. Dies unterstreicht, wie oben angeführt, die Notwendigkeit von Triebkorrekturen.

Fazit

Im Gegensatz zu anderen Autoren - Götz, G. -  hat sich der Grünschnitt bei diesem frühen, extremen Hagelschaden, was den Gescheinsansatz im Folgejahr anging, als sinnvoll erwiesen. Erträge von Haupttrieben waren in den extrem geschädigten Flächen nicht zu erzielen. Die geernteten Geiztriebtrauben waren für die Weinbereitung kaum geeignet. Wenn, wie am Beispiel Fellbach, eine ganze Gemarkung weitgehend geschädigt ist, muss es auch unter Gesichtspunkten der Marktbelieferung oberstes Ziel sein, im Folgejahr möglichst wieder eine normale Fruchtbarkeit zu erreichen. Die Ar-beitswirtschaft im Sommer nach dem Hagel ist unter diesen Gegebenheiten eher untergeordnet. Der Anschnitt im Winter nach dem Hagel muss sehr individuell erfolgen, wobei Bögen zu bevorzugen sind. Nach dem Austrieb ist die Triebzahl auf das erforderlich Maß zu reduzieren und weniger fruchtbare Triebe zu entfernen. Bei Junganlagen muss konsequent auf Stammersatz hin gearbeitet werden.

Literatur

Götz, G. (2000): Hagel - was nun?
Das Deutsche Weinmagazin 25, 2. Dez., 16- 20

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