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Im Praxistest: gezielte Mykorrhizierung von Pfropfreben

Dr. D. Rupp und Lothar Tränkle
Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg
E-Mai:
dietmar.rupp@lvwo.bwl.de und lothar.traenkle@lvwo.bwl.de


Als Steinpilz oder Pfifferling sind uns zumindest ihre Fruchtkörper wohlbekannt. Ihr unterirdisches und weitreichendes Mycel dagegen bleibt weitgehend verborgen. Die Rede ist von Mykorrhiza-Pilzen. Eine große Zahl von Gehölzen pflegt mit diesen Pilzen eine enge Beziehung zu beiderseitigem Nutzen. Die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern sind dabei von Pilzfäden umwoben (Ektomykorrhiza) oder gar im Randbereich von Pilzhyphen durchdrungen (endotrophe Mykorrhiza). Dabei erweitert der pilzliche Organismus das vorhandene Wurzelsystem der holzigen Pflanze um ein beträchtliches Maß und verbessert die Wasser-, Phosphor- und in einigen Fällen auch die Stickstoffversorgung seines Partners. Im Gegenzug erhält das Pilzgewebe dringend benötigte Kohlenhydrate. Auch Reben sind bei passenden Standortbedingungen mit Mykorrhizapilzen vergesellschaftet.

Ein Praxisversuch sollte nun zeigen, ob eine gezielte Vorbereitung von Pfropfreben den oft genannten positiven Mykorrhizaeffekt bereits im Pflanzjahr nutzbar machen kann.

Zu viel Phosphat ist störend

Während sich bei Waldbäumen die Mykorrhiza als feines, äußerliches Gespinst um die Feinwurzeln legt, dringen die bei der Rebe vorherrschenden Mykorrhizapilze der Gattung Glomus in die Zellschichten der Wurzelrinde ein und bilden dort Verzweigungen (Arbuskel) und Speicherorgane (Vesikel). Entscheidend für den Infektionsgrad und die Effizienz der pflanzlichen Zusammenarbeit sind der Ernährungs- und Wuchszustand der Rebe sowie die Standortbedingungen. Nennenswerte Mykorrhizavorkommen sind nur bei P-armen und mittel bis gut mit Humus versorgten Weinbergsböden zu erwarten.

Aufgrund der langjährig üblichen hohen Phosphatdüngung finden sich heute nur wenige Standorte mit mäßigem Posphatgehalt. Als Folge von Bodenbewegungen im Rahmen einer Geländeangleichung fand sich eine passende Testfläche im Versuchsbetrieb Burg Wildeck (Tabelle 1). Insbesondere die dort sehr niedrigen pflanzenverfügbaren P-Werte boten gute Chancen für die Beobachtung von Mykorrhizaeffekten.

Tabelle 1: Bodenkennwerte Wildeck Beet 21/22. Oberboden 0 – 30 cm (1999)

pH

Humus
%

P 2 O 5 (CAL)

K 2 O (CAL)

Mg (CaCl 2 )

mg/100 g

6,8 - 7,1

0,6 -1,1

3 - 10

12 - 23

37 - 44


Anzucht im Wärmebeet

Um die mögliche Wirkung der Mykorrhizierung vergleichbar beobachten zu können, wurden Mitte Mai 1999 je 120 „beimpfte" und 120 „unbehandelte" Topfreben (Riesling / 5 BB) hergestellt. Beide Varianten wurden in Folienbeutel eingetopft und im Wärmebeet bei 25° C Beettemperatur angezogen. Verwendetes Substrat war die Einheitserde GS 90. Das für die Beeimpfung zugegebene „Inokulum" bestand aus Gesteinsgranulat (Blähton, Lava) das mit Mycel und keimbereiten Dauersporen von Mykorrhizapilzen der Gattung Glomus behaftet war (Abb.1). Nach einer 4-wöchigen Adaptionsphase ab 25. Juni wurden die beimpften und die unbehandelten Topfreben am 21. Juli 1999 ins Freiland gepflanzt. Eine am Standort vorhandene Tropfbewässerung gewährleistete eine gute Weiterentwicklung der Reben.

Mykorrhizagranulat

Abbildung 1: Zur Beimpfung der Rebwurzeln wurde der Topferde „pilzhaltiges" Lava/Blähtongranulat beigemischt.
Auf den 0,2 – 0,5 cm großen Granulatkörnern befinden sich Mycel und keimfähige Sporen.

Während und nach der Anzuchtphase sowie zu Ende der Vegetationszeit wurde die Wuchsleistung der Reben ermittelt. Eine Nachbonitur zur Wüchsigkeit erfolgte im Sommer 2000.

Ergebnisse eher ernüchternd

In den ersten Wochen nach dem Eintopfen der Reben zeichnete sich bei den unbehandelten Reben ein scheinbarer Wuchsvorsprung ab, der sich jedoch nach weiteren eineinhalb Monaten ins Gegenteil umkehrte (Tabelle 2).

Tabelle 2: Mittlere Trieblänge von unbehandelten und mit Mykorrhiza beimpften Topfreben

Variante

17.6.99
Anzuchtbeet

29.7.99
Freiland

10.2.2000
Freiland

grüner Trieb [cm]

ausgereift [cm]

beimpft

48,6

129,8

140,9

unbehandelt

52,9

123,8

137,0

Signifikanz

n.s.

n.s.

n.s.

Auch die ausgangs Winter 1999/2000 vorgenommene Bonitur der Wuchsleistung deutete auf einen gewissen Vorteil der beeimpften Reben hin. Allerdings waren die ohnehin geringen Unterschiede sowohl bei der Trieblänge im Pflanzbeet, als auch bei der Länge des ausgereiften Holzes im Jungfeld oder bei der Ermittlung der Nodienzahl statistisch nicht abzusichern (Tabelle 3). Im vorgestellten Praxistest ist damit ein positiver Effekt nicht zu beweisen. Auch bei weiteren Wuchsbonituren (Blattgrünmessungen u.a.) während der Vegetationszeit 2000 waren keinerlei Unterschiede zu sichern.

Tabelle 3: Mittlerer Triebdurchmesser und mittlere Nodienzahl von unbehandelten und mit Mykorrhiza beimpften Topfreben. Bonitur 10.2.2000

Variante

Durchmesser
Höhe 1. Biegdraht (mm)

Nodienzahl

beimpft

5,0

26,2

unbehandelt

4,8

23,5

Signifikanz

n.s.

n.s.

 

 

 


Wie sind diese Ergebnisse zu bewerten? Warum sind keine Effekte aufgetreten?

Im Freiland gelten andere Spielregeln
Interessante Indizien liefert der vorübergehende scheinbare Wuchsrückstand der Kontrollpflanzen im Anzuchtbeet (Tabelle 2). In der Aufbauphase der Rebe-Pilz-Gemeinschaft ist das Nehmen und Geben nämlich noch zugunsten des Pilzes verschoben. Eine Infektion der Rebwurzeln durch das Pilzmyzel hat daher mit Sicherheit stattgefunden. Mit der Umkehr der Längenverhältnisse zeigt sich die allmähliche „Zuarbeit" des pilzlichen Organismus.

Bereits in den 1970er Jahren war die Symbiose von Rebwurzel und Pilz Gegenstand der weinbaulichen Forschung. Viele Versuchsansteller konnten die enormen Wuchsleistungen pilzinfizierter Jungreben zeigen. Allerdings wurden diese Untersuchungen fast auschließlich als Topfversuch mit zuvor sterilisiertem, also pilzfrei gemachtem Boden durchgeführt (Abb.2). Nur wenige Ergebnisse liegen aus Rebschulen und dem Freilandbereich vor.

Topfreben in mit Mykorrhizagranulat beimpfter Erde

Abbildung 2: In Topfversuchen lässt sich unter kontrollierten Bedingungen auch bei Reben die fördernde Wirkung der Mykorrhiza nachweisen

Der nur mäßig humose und P-arme Wildecker Weinbergsboden, in den die Versuchsreben des Praxistests gepflanzt wurden, hätte den Anforderungen an die Versuchsfrage durchaus genügt – allerdings war er nicht steril. So ist anzunehmen daß auch die nicht vorbehandelten Kontrollreben sehr schnell von standorteigenen Pilzen mykorrhiziert wurden und sich die Unterschiede verwischten. Eine Ermittlung des Mykorrhizierungsgrades ist geplant und wird letzte Klarheit bringen.

Das Jahr 1999 erwies sich als gutes Anwuchsjahr für Jungfelder. Denkbare Unterschiede können auch dadurch verwischt worden sein.

Fazit

Mykorrhizapilze gehören zum natürlichen Umfeld der Rebe. Mit Sicherheit ist die Symbiose zwischen Rebe und Pilz ein Teil im Wirkungsgefüge der Rebenernährung. In unserem modernen, auf Optimierung ausgerichteten Anbausystem wird die Ausprägung von Mykorrhizaeffekten jedoch durch andere Wuchsfaktoren unterdrückt. Entweder hemmen hohe Nährstoffwerte die Ausbildung der Mykorrhiza oder stellt sie sich bei guten Bedingungen von selbst ein. In Anbetracht des hohen Aufwandes wird daher eine gezielte, zusätzliche Beimpfung unter den gegebenen Bedingungen ohne Nutzen sein.

Vielmehr gilt es, die anderen Wuchsbedingungen im Jungfeld bestmöglichst zu gestalten (Abb. 3). Dies beginnt bei einer schonenden Pflanzfeldvorbereitung und reicht über eine fachgerechte Pflanzung mit gutem Bodenschluß bis zur Schonung des noch nicht abgesetzten Bodens und einer bedarfsgerechten, aber keinesfalls zu üppigen Wasserversorgung.

Die ausgepflanzten Topfreben

Abbildung 3: Neben einem leistungsfähigen Pflanzmaterial hat die richtige Pflanzfeldvorbereitung, der fachgerechte Pflanzvorgang sowie der schonende Umgang mit dem noch nicht abgesetzten Boden den größten Einfluß auf das Gelingen des Jungfeldjahres.

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