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Das Mehltaufenster

Oidiumbekämpfung – wann kommt's darauf an?

von Dr. W. K. Kast, Dr. Martina Stark, H.-C. Schiefer
Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg

 

In den vergangenen Jahren traten in vielen Betrieben trotz regelmäßiger Behandlungen immer wieder Schwierigkeiten durch den Rebenmehltau (Oidium) auf. Meist wurden die Probleme in der zweiten Julihälfte sichtbar und waren dann kaum mehr in den Griff zu bekommen. Etwas verbessert hat sich die Situation durch die Zulassung neuerer Mittel wie Diskus, Vento und Prosper, aber auch bei Einsatz dieser Mittel kam es in einzelnen Betrieben zu Schwierigkeiten. Dem Mittel Prosper wird dabei insbesondere eine kurative Wirkung zugeschrieben. Bei bereits sichtbarem Befall ist jedoch auch die Wirkung dieses Präparates sehr begrenzt. Der Befall wird zwar gemindert aber nicht beseitigt. Die neueren Mittel sind wesentlich teurer als die altbewährten Sterolbiosynthesehemmer (SSH) wie Castellan, Topas und Rubigan, so dass es durchaus lohnend sein kann, genau zu überlegen zu welchem Zeitpunkt die teueren Mittel sinnvoll sind. Hinweise hierfür dürften die neueren Untersuchungen der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg geben.

Was wurde gemacht?

doty.gif (139 Byte) Versuch mit gezielter Infektion von Gescheinen/Trauben:

Für diesen Versuch wurden in den Jahren 1998 und 1999 jeweils 100 Gescheine der Rebsorten Trollinger und Lemberger unterhalb der Burg Weibertreu in Weinsberg in Pergamintüten eingetütet. Diese Tüten verhinderten zum einen Mehltauinfektionen und zum anderen das Auftreffen des Spritzbelages bei den Routinebehandlungen (Abb. 1). Zur Infektion dieser Gescheine und Trauben wurden im Labor unter standardisierten Bedingungen Blätter mit Mehltau kultiviert bis er zur vollen Sporulation gelangt war. Zu vorher definierten Terminen wurden die Gescheine oder Trauben mit jeweils einem Blatt pro Tüte infiziert. Zirka 12 Tage später wurde unter dem Binokular der Prozentsatz der vom Mehltau besiedelten Oberfläche ausgewertet.

        

Eingetütete Gescheine
Abbildung 1: Eingetütete Gescheine
für gezielte Mehltauinfektionen

 

doty.gif (139 Byte) Spritzversuch:

Im Weinsberger Schemelsberg bei der Rebsorte Silvaner wurde ein Versuch mit vierfacher Wiederholung angelegt. Die Prüfparzellen bestanden aus Einzelreihen, die jeweils zwischen zwei unbehandelten Reihen platziert waren. Dies entspricht in etwas der Befallssituation die vorliegt, wenn ein Nachbarweinberg nicht behandelt wird. Die Prüfreihen waren im Vorjahr bis zum Termin "abgehende Blüte" ohne Mehltaubehandlung geblieben, so dass ein sehr hohes Ausgangspotential vorhanden war. Gezielt gespritzte Varianten wurden verglichen mit Standardspritzfolgen (Topas, Vento), die in 14-tägigem Rhythmus eingesetzt wurden. Die "gezielten" Varianten wurden 2 – 6 mal behandelt, wobei der Schwerpunkt der Beginn der Blüte und der Termin abgehende Blüte war (siehe Tabelle 1).

doty.gif (139 Byte) Ergebnisse der gezielten Infektionen:

Versuch mit gezielter Infektion von Gescheinen/Trauben:
Bei den Infektionen zu Blütebeginn war 12 Tage nach Infektion zwischen 5 und 18 % der Oberfläche der jungen Träubchen befallen. Der Mehltau besiedelte dabei überwiegend das Stielgerüst und begann bei der Auswertung gerade auf die jungen Beeren überzuwachsen (siehe Abb. 2).

 

Oidium am Stielgerüst

Abbildung 2: Mehltaubefall am
Stielgerüst, extrem gefährlich

 

Bei der Infektion zum Termin abgehende Blüte, war der Befall noch mal deutlich massiver, dieser Infektionstermin führte bei der Rebsorte Trollinger im Jahr 1998 zu einer Besiedlung von fast 60 % der Traubenoberfläche (Abb. 3a). Im Jahr 1999 herrschten nach diesem Termin sehr kühle Bedingungen, so dass nur 26 % der Oberfläche besiedelt waren( Abb. 3b). Bereits zum Termin "Schrotkorngröße" der Beeren ging die besiedelte Oberfläche wieder deutlich zurück vor allem im Jahr 1998, da zu diesem Termin etwas kühlere Bedingungen herrschten.

 

Oidiumbefall98.gif (10257 Byte)

Abbildung 3a: Mehltaubefall nach gezielter Infektion in
verschiedenen Entwicklungsstadien 1998

Oidiumbefall99.gif (9763 Byte)

Abbildung 3b: Mehltaubefall nach gezielter Infektion in
verschiedenen Entwicklungsstadien 1999

Ab dem Stadium 75 "Erbsengröße" waren in beiden Jahren die Temperaturverhältnisse sehr günstig für die Entwicklung des Oidiums, jedoch war der Infektionserfolg bei beiden Sorten in diesem Stadium außerordentlich gering. Die extrem anfällige Sorte Trollinger unterschied sich ab diesem Stadium nicht mehr von der mäßig anfälligen Sorten Lemberger. Sehr deutlich unterschieden sich die beiden Sorten vor allen Dingen beim Termin "abgehende Blüte" und im Stadium "Schrotkorngröße". Ab dem Stadium 75 ("Erbsengröße") reagierten die Traubenbeeren auf die massiven Mehltauinfektionen mit der Ausbildung von punktförmigen Nekrosen. Offensichtlich sterben ab diesem Termin einzelne Zellen aufgrund der Pilzangriffe ab, so dass eine Ansiedlung des Pilzes vielfach verhindert und eine weitere Ausbreitung sehr stark unterdrückt wird (Abb. 4).

Nekrosen.jpg (21627 Byte)

Abbildung 4: Abwehrnekrosen – treten ab dem Stadium
Erbsengröße massiv auf

 

doty.gif (139 Byte) Ergebnisse des Spritzversuchs

Bereits zwei Behandlungen zu Blütebeginn und Blüteende reduzierten den Befall der Trauben bereits um 2/3. Die Variante "7 Behandlungen mit Vento" war nur unwesentlich besser als die Variante mit 3 Behandlungen gezielt vom Stadium Blütebeginn bis Schrotkorngröße. Behandlungen nach Mitte Juli erscheinen nach diesen Ergebnissen trotz der ungünstigen Situation in der Anlage (mehltaubefallene Nachbarreihen!) keine Bedeutung zu besitzen. Die Versuchsergebnisse im Freiland stimmen exakt mit dem überein, was aufgrund der gezielten Infektionen eingetüteter Gescheine und Trauben zu erwarten war.

doty.gif (139 Byte) Konsequenzen

Die vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass beim Rebenmehltau eine kurze Phase über Erfolg oder Misserfolg der Bekämpfungsmaßnahmen entscheidend ist. Fehler in dieser Phase können kaum mehr gutgemacht werden. Andererseits sind bei einer optimalen Bekämpfung in dieser Phase alle anderen Maßnahmen von sehr geringer Bedeutung.

Massive Infektionen drohen, wenn in dieser Phase für den Mehltau günstige Bedingungen herrschen, d. h. warmes, trockenes Wetter. Kleine Lücken für die Bekämpfung ermöglichen eine Besiedlung der jungen Beeren die zunächst einige Zeit durch die folgenden Bekämpfungsmaßnahmen unterdrückt wird, meist im Juli aber zum Vorschein kommt.

Problematisch in diesem "Mehltauinfektionsfenster" ist der hohe Oberflächenzuwachs der Gescheine und Trauben gerade auch bei warmer Witterung. Die dabei entstehenden Lücken können auch mit potenten Mitteln nur bei enger Spritzfolge aufgefangen werden.

Da eine 100%ige Sicherheit während der Zeit des offenen "Mehltaufensters" erforderlich ist, muß die Applikationsqualität sehr genau kontrolliert werden. Verstopfte Düsen, zu hohe Fahrgeschwindigkeit, Seitenwind und ähnliche Fehlerquellen müssen mit absoluter Konsequenz vermieden werden.

Problemlos ist die Mehltaubekämpfung, wenn bei Öffnen des Mehltaufensters kein oder sehr wenig Mehltau vorhanden ist. In Jahren, in denen großflächig kein Vorjahresbefall vorhanden war, baut sich die Mehltauepidemie erst nach dem Stadium "Schrotkorngröße" auf, so dass es kaum noch zu Traubenbefall kommt. Nach einem Jahr mit Mehltaubefall muß im Folgejahr angestrebt werden, die Epidemie möglichst frühzeitig zu bremsen, um während der Phase "offenes Mehltaufenster" einen möglichst geringen Sporendruck zu haben. In solchen Jahren ist eine rechtzeitige Bekämpfung äußerst wichtig. Rechtzeitig bedeutet nach allen bisher vorliegenden Versuchsergebnissen aus Weinsberg und auch umfangreichen, mehrjährigen Untersuchungen des WBI Freiburg ab dem 6-Blatt-Stadium.

Prinzipiell ist die Bekämpfung während des Mehltauinfektionsfensters mit allen Mitteln z. B. auch mit Netzschwefel möglich, jedoch sind in diesem Fall Spritzabstände von 6 – 7 Tagen notwendig. Sinnvoll ist es deshalb, in dieser Phase die potentesten Mittel (z. Zt. Discus, Vento, Folicur E und Prosper) einzusetzen, die Spritzabstände von ca. 12 Tagen möglich machen. Wegen seiner gewissen kurativen Potenz bietet sich als bevorzugter Einsatztermin für Prosper die Phase "Blüteende" bis "Schrotkorngröße" an.

 

Oidsilvaner99.gif (8186 Byte)

Abbildung 5: Mehltaubefall nach gezielter Infektion in verschiedenen
Entwicklungsstadien

 

doty.gif (139 Byte) Zusammenfassung

Auch extrem anfällige Sorten wie Trollinger werden vom Mehltau im wesentlichen in einem Mehltau-Infektions-Fenster besiedelt, das kurz vor der Blüte beginnt und bereits vor dem Rebstadium "Erbsengröße" der Beeren endet. In diesem meist sehr kurzem Zeitraum sollte ein optimaler Schutz angestrebt werden. Bei einem frühen Aufbau der Epidemie drohen große Schäden. Nach Jahren mit starkem Befall muss deshalb rechtzeitig, spätestens im 6-Blatt-Stadium eine konsequente Bekämpfung erfolgen. Zwei bis drei gezielte Behandlungen vom 6-Blatt-Stadium bis zum Stadium Schrotkorngröße der Beeren waren in Versuchen genauso erfolgreich wie durchgehende Routinebehandlungen bis Anfang August. Spritzungen nach dem Stadium Erbsengröße haben nahezu keinen Einfluss auf den Traubenbefall.

 

Spritztermine Oidiumversuch 1999
Silvaner Schemelsberg

Termin

19.5.

01.06.

10.06.

17.06.

24.06.

05.07.

Wirkung
(Relationswert)
%
08.09.

Stadium

BBCH 15
6-Blatt

BBCH 17
7-Blatt

BBCH 61
Blüte-
beginn

BBCH 68
abgehende Blüte

BBCH 73
Schrotkorn-
größe

BBCH 75
Erbsengröße

2 x

 

 

Discus

Discus

 

 

64

3 x

 

 

Discus

Discus

Discus

 

88

4 x

 

 

Discus

Discus

Discus

Vento

70

6 x

 

 

Discus

Discus

Discus

Vento

95

7 x

19.5.

alle 14 Tage Topas

3.8.

72

7 x

19.5.

alle 14 Tage Vento

3.8.

93

 

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