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Pflanzenschutz nach Hagelschlag im Weinbau

Von Dr. W. K. Kast
LVWO Weinsberg
E-Mail: walter.kast@lvwo.bwl.de

Hagelschäden am Rebholz und an den Beeren

 

Zusammenfassung

Neben einer möglichen Peronosporainfektion erhöhen Hagelverletzungen die Botrytisanfälligkeit. Ein Abweichen von einer optimal geplanten Spritzfolge bei Hagelschlag ist aber in der Regel sinnlos. Durch kurative Peronosporamittel kann die Zeit der schlechten Befahrbarkeit nach starkem Regen gut überbrückt werden. Als Reaktion auf die erhöhte Botrytisgefahr kommen indirekte Maßnahmen am ehesten in Frage (keine N-Spätdüngung, Gründüngungseinsaat, Entlaubung in der Traubenzone bei leichten Hagelschäden). Nach extremen Hagelschlägen mit weitgehender Entlaubung ist jeglicher Pflanzenschutz zunächst überflüssig. Kulturtechnische Maßnahmen (Rückschnitt) stehen im Vordergrund.



Fast jedes Jahr treten lokal Hagelschläge mit teilweise verheerenden Auswirkungen auf. Vielfach werden nach diesen Hagelschlägen kurzfristig unter erschwerten Bedingungen, d. h. bei ungünstigem Bodenzustand Pflanzenschutzmittel als "Notmaßnahme" ausgebracht. Dabei werden teilweise erhebliche Schäden an der Bodenstruktur (Verdichtungen) verursacht. Es stellt sich die Frage, inwieweit bei Hagelschlag Sonderbehandlungen mit Pflanzenschutzmitteln überhaupt notwendig oder hilfreich sein können.

Pflanzenschutzmittel können Wunden natürlich nicht heilen. Im Gegenteil, viele Fungizide wirken unter ungünstigen Bedingungen, wie sie frische Wunden darstellen, eher schädigend (phytotoxisch). Sinnvoll wäre es deshalb, die Spritzungen so lange hinauszuschieben, bis die Wunden verheilt sind. Im Zuge von Hagelschäden treten jedoch eventuell Probleme mit pilzlichen Erkrankungen auf. Gewitteriges Wetter ist eine günstige Voraussetzung für Peronospora-Infektionen, denn dieser Pilz benötigt feuchtwarme Nächte für die Sporenbildung und Niederschläge an den folgenden 1 - 2 Tagen für Infektionen. Derartige Verhältnisse sind typisch für Gewitterwetterlagen. Die großen Luftturbulenzen bei Gewittern sind außerdem günstig für eine großräumige Verbreitung der Sporangien (Sporenbehälter). Die Verletzungen selbst begünstigen dagegen Peronospora-Infektionen nicht.

Verletzungen und hohe Niederschläge bieten auch ideale Voraussetzungen für Infektionen des Botrytis-Pilzes. Pflanzenschutzmaßnahmen nach Hagelschlägen müssen deshalb zielgerichtet gegen Peronospora und Botrytis angesetzt werden. Bei Überlegungen zum Pflanzenschutz sind die bisher durchgeführten Pflanzenschutzmaßnahmen von entscheidender Bedeutung. Lag der Termin der letzten Peronospora-Spritzung nicht länger als 12 Tage zurück, so ist davon auszugehen, dass eine ausreichende Wirksamkeit des Spritzbelages gegen Peronosporainfektionen vorhanden war. Die Peronospora-Bekämpfungen sollten deshalb im geplanten Rhythmus weitergeführt werden. Falls das Hagelgewitter mit extrem hohen Niederschlagsmengen verbunden war, ist der Spritzbelang eventuell durch Abwaschung reduziert. In diesen Fällen sollte der nächste Behandlungstermin etwas vorgezogen werden.

Falls eine sichere Wirkung der vorangegangenen Peronospora-Spritzung nicht mehr gewährleistet war, können eventuell entstandene Infektionen mit einem kurativ wirksamen Präparat (Aktuan, Forum, Ridomil Gold Combi) noch innerhalb von zwei Tagen sicher erfasst werden. Durch die kurative Wirkung der Mittel ist auch eine größere Flexibilität hinsichtlich der Spritztermine möglich. Dies ist besonders wichtig, wenn durch hohe Niederschläge ein Befahren zu erheblichen Strukturschäden im Boden führen würde. In diesen Fällen kann eine geplante Spritzung durch einen Wechsel zum kurativen Mittel um bis zu 3 Tage verschoben werden.

Ein weit größeres Problem als durch Peronospora entsteht nach Hagelschlägen durch Botrytis. Als "Schwächeparasit" kann der Botrytispilz besonders leicht die verletzten Pflanzenteile befallen. Die beschädigten Beeren und Stiele können frühzeitig, teilweise ohne zunächst erkennbaren Schaden (= latent) infiziert werden. Bei Reifebeginn oder feuchtwarmer Witterung geht von diesen latent infizierten Wunden eine große Gefahr aus. Ein optimaler Schutz wäre notwendig. Leider sind jedoch durch Fungizide nur bescheidene Effekte zu erzielen. Die Wirkung einer einmaligen zusätzlichen Behandlung zur betriebsüblichen, optimierten Spritzfolge mit den zur Verfügung stehenden Mitteln auf Botrytis wurde nach dem Hagelschlag im Juli 1986 versuchsmäßig überprüft (siehe Tabelle). Die zusätzliche Spritzung mit Euparen, Rovral oder einer Kombination dieser Mittel ergab keine Wirkung gegen den späteren Botrytisbefall, obwohl in diesem Jahr noch keine Resistenz vorhanden war.

Botrytis-Spezialbehandlungen nach Hagelschlag am 23.07.1986. Schemelsberg, Silvaner, Hagelschaden ca. 30 %).

Behandlungen

Tage nach Hagel

Botrytis %

 

 

10.09.

15.10.

1. Kontrolle

-

5,4

59,8

2. Rovral 0,075 % *

2

7,6

60,4

 

5

6,2

55,5

3. Rovral 0,075 % + Euparen 0,2 % *

2

5,7

62,4

 

5

8,1

62,7

4. Rovral 0,075 % + Antracol 0,2 % *

2

4,9

54,5

 

5

7,3

55,6

GD 5 %

 

2,9

10,9

* 1 zusätzliche Behandlung zur normalen Spritzfolge: 3 x Akutan, 2 x Kupferkalk, 1 x Ronilan

Anmerkung: Die Mittel Rovral und Euparen, Ronilan, Antracol sind nicht mehr zugelassen (Stand Juni 2008)



Auch bei der Botrytisbekämpfung sind wie bei Peronospora die vorangegangenen Spritzungen entscheidend. Wurde bereits ein Spezialbotrytizid vor dem Hagel eingesetzt, so besteht bereits ein gewisser Schutz. Eine weitere Spritzung bewirkt nur einen geringen, zusätzlichen Schutz. Im vorliegenden Versuch war kurz vor dem Hagelschlag das Spezialbotrytizid Ronilan bereits das erste Mal eingesetzt worden, so dass der erreichbare Effekt bereits ausgeschöpft war. Wurde allerdings vor dem Hagel noch kein Spezialbotrytizid eingesetzt, sollte dies bei der nächsten Spritzung unbedingt zugesetzt werden.

Wesentlich mehr als Zusatzbehandlungen mit Fungiziden können gegen die erhöhte Botrytisgefahr pflanzenbauliche Maßnahmen bewirken. Die Stickstoffdüngung sollte gegebenenfalls überprüft und auf das Minimum eingeschränkt werden. Die Einsaat einer Gründüngung im Juli/August zur Minderung eines Stickstoffüberangebots kann ebenfalls sinnvoll sein. Ein Entfernen der Blätter in der Traubenzone (vor allem der hagelgeschädigten) kann bei leichteren Hagelschäden ebenfalls den Befallsdruck durch Botrytis mindern.

 

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