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Qualitative Vorteile durch reflektierende Unterstockfolien im Weinbau?

Lockere Laubwände und lockerbeerige Trauben sind optimale Voraussetzungen für Reflektorfolie

Rudolf Fox und Dr. W. K. Kast
LVWO Weinsberg
E-Mail:
rudolf.fox@lvwo.bwl.de

Die Suche nach Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung im Pflanzenbau ist wahrscheinlich so alt wie der gezielte Anbau pflanzlicher Produkte bzw. von Früchten, insbesondere wenn es sich um Ware zur Marktbelieferung handelt. Neben den pflanzenbaulichen Parametern wie Optimierung der Wasser- und Nährstoffversorgung, Förderung der Assimilation, Begrenzung der Erträge (Äpfel, Trauben) sowie optimiertem Erntetermin werden seit einigen Jahren Kunststofffolien (u. a. mit Reflektoreigenschaften) zur weiteren Steigerung der Produktqualität diskutiert.

Wirkung der Folien

Die aluminiumbeschichteten, reflektierenden Folien strahlen auch im photosynthetisch relevanten Längenbereich (400 - 700 nm) ca. 80 % der empfangenen Strahlung zurück. Dies führt indirekt zu erhöhtem Strahlungsgenuss der sonst überwiegend im Schatten befindlichen Trauben bzw. Traubenteile. Mit der empfangenen Strahlung entstehen an der Beerenhaut naturgemäß auch erhöhte Temperaturen, was bei günstigem Verhältnis von hell- zu dunkelrotem Licht generell die Enzymaktivität fördert. So kommt es durch die erhöhte Aktivität der Invertase rascher zum Umbau der über die Assimilation "angelieferten" Saccharose zu Frucht- und Traubenzucker. Die erhöhte Nitratreduktaseaktivität führt zu rascherer "Verwertung" des z. B. in den Blättern noch nicht reduzierten Nitrates. Schließlich wird über die Aktivierung des "allgemeinen Enzymsystems" auch die Aroma-, Farb- und Phenolsynthese sowie die Ligninsynthese (gute Belichtung fördert die Holzreife) gefördert. Die Temperaturerhöhung an den Beeren dürfte auch den Abbau der Säure forcieren - Fox (1). Neben der Förderung dieser wertgebenden Inhaltsstoffe in den Beeren selbst ist naturgemäß auch mit gesteigerter Assimilation über die Blätter zu rechnen, was sich in höheren Mostgewichten niederschlagen müsste.

Die verdunstungshemmende Wirkung der auf den Boden ausgelegten Folien kann in Trockenphasen, wie sie im Weinbau in den Monaten August/September nicht selten vorkommen, als positiver Nebeneffekt mit Auswirkungen auf Ertrag und Qualität angesehen werden. Hierbei kann unter Umständen über erhöhte Mineralisation unter der feuchtigkeitskonservierenden Folie mit deutlich erhöhtem Nitratangebot sowie verbesserter Nährstoffverfügbarkeit generell gerechnet werden. In Feuchtephasen oder feuchten Herbsten kann dies in Verbindung mit gemindertem Bedarf des Bodenbewuchses in Folge Abdeckung zu überhöhter Stickstoffversorgung der Stöcke mit negativen Folgen für die Gesundheit der Trauben führen.

Preise, Kosten, Arbeitsaufwand

Je nach Hersteller, Material und Zeilenbreite betragen die Materialkosten jährlich ca. 1.500 bis 4.000 Euro/ha. Hinzu kommt der Zeitaufwand für Ausbringung, Entfernung sowie gegebenenfalls anfallende Entsorgungskosten. So sind nach  Schultz (2) für die Ausbringung ca. 50 h/ha erforderlich. Nach eigenen Erfahrungen muss die Folie während der Verweildauer im Weinberg nach intensiven Witterungsereignissen mit Sturm teils erneut befestigt werden. Dies erhöht zusätzlich den Aufwand. Die Gesamtkosten sind damit beachtlich und es müssten dementsprechend erhebliche Qualitätsverbesserungen erzielt werden, um wirtschaftlich positive Ergebnisse zu gewährleisten. Die Ausbringung erfolgt jeweils ca. um den 10./15. August nach Abschluss der Pflegearbeiten. Dabei ist auf ausreichende Befestigung zu achten. Obwohl die 1,5 m breite Colorup-Folie leicht perforiert ist, ist dennoch bei intensiven Niederschlägen mit stärkerem Wasserabfluss zu rechnen. Um Erosionen vorzubeugen, sollten deshalb "Neutralbereiche" belassen werden, die das Niederschlagswasser im Weinberg auffangen. Das daneben geprüfte Produkt Vitexsol basiert auf einem 50 cm breiten Kunststoffgewebe als Träger und "eingewebter" Folie mit Schlitzen und ist somit ausreichend durchlässig für Niederschläge.

Ergebnisse aus Versuchen mit Riesling und Spätburgunder

Versuche mit reflektierenden Folien werden in Weinsberg seit 1998 in einer Kombination aus Entblätterung und Folienauslegung bei der Sorte Riesling durchgeführt. Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, waren im Mostgewicht hoch signifikante Unterschiede zugunsten der Folie im Mittel der Jahre 1998 und 1999 zu verzeichnen. Die lediglich im Jahre 1999 ermittelten Säuregehalte weisen bei Folienanwendung tendenziell niedrigere Werte auf. In beiden Jahren ist in Verbindung mit der etwas verfrühten und leicht höheren Reife ein stärkerer Botrytisbefall verbunden. Die Aromagehalte (Terpene) sind durch die Folienanwendung nur geringfügig, d. h. statistisch nicht absicherbar, erhöht worden. Die Erträge unterscheiden sich im Mittel beider Jahre lediglich tendenziell. Der deutliche Mehrertrag im Jahr 1999 dürfte unter den Bedingungen des relativ trockenen Herbstes u. a. auf den oben bereits angedeuteten, positiven Effekt bezüglich des Wasserhaushaltes sowie das vermutlich damit in Verbindung stehende erhöhte Nitratangebot, hervorgerufen durch die verstärkte Mineralisation unter der Folie, zurückzuführen sein.

Tabelle 1: Reflektorfolie Riesling 1998 - 1999

Variante

ohne Folie

mit Folie

Botrytis Befallshäufigkeit in %*

30,4

38,0

Botrytis Befallsstärke in %*

4,7

5,7

Ertrag kg/a

168,2

174,7

Mostgewicht in °Oe**

74,4

78,3

Säure in g/l (1999)

10,2

9,8

* Differenz signifikant
** Differenz hoch signifikant
Ausbringung der Folie ca. Mitte August

In den Jahren 2000 und 2001 mit gegenüber dem langjährigen Mittel wesentlich früherem Reifebeginn war durch den reifefördernden Einfluss eine zusätzliche Reifeverfrühung gegeben. Dies führte in beiden Jahren zu einem  erheblich früheren und stärkeren Botrytisbefall und war in den nicht entblätterten Varianten besonders ausgeprägt. Im Jahr 2000 kam es dadurch bei Folie auch zu einem erheblich höheren Essigfäulebefall. Im Jahr 2001 musste aufgrund von starker Fäulnis vorgelesen werden. Hierbei fielen mit Folienauslegung etwa 60 % Vorleseanteil an, während in der Vergleichsparzelle ca. 50 % der Gesamterntemenge vorgelesen werden mussten. Zwischen den beiden geprüften Reflektorfolien  Colorup und Vitexsol waren dabei praktisch keine Unterschiede festzustellen, was für beide Jahre zutrifft - siehe Tabelle 2. Der, trotz stärkerem Botrytisbefall, in den Jahren 2000 und 2001, höhere Ertrag bei Folienanwendung könnte auf den positiven Einfluss der Folie vom jeweiligen Vorjahr auf die Holzreife und damit die Fruchtbarkeit zurückzuführen sein. Die Mostgewichte lagen im Jahr 2000 trotz Reifeverfrühung bei der Lese sogar tendenziell leicht unter dem Vergleich (Botrytis- und Essigfäulebefall sowie feuchte Witterung), im Jahr 2001 leicht darüber. Im Terpengehalt (Aroma) lagen keine Unterschiede vor, wohl aber bei Sonnenbrandschäden, die bei Folienanwendung erhöht waren. Im Mittel der 4 Jahre ergeben sich durch die Folienanwendung nach zwei "guten" und zwei "schlechten" Jahren nur geringe Unterschiede. Vor allem jedoch der Botrytisbefall wird selbst bei der spätreifen Sorte Riesling gesichert erhöht (Abbildung 1). Inwieweit die Ertragserhöhung bei der heutigen Hektarhöchstertragsregelung relevant ist, ist zumindest fraglich. Mostgewicht und Säuren unterscheiden sich im vierjährigen Mittel nicht.

Tab. 2: Reflektorfolie Riesling 2000 + 2001

Variante

ohne Folie

    mit Folie

Colorup

Vitexsol

Botrytis Befallshäufigkeit in %*

67,4

79,4

79,3

Botrytis Befallsstärke in %**

11,9

17,8

16,8

Ertrag kg/a**

130,7

154,2

153,1

Mostgewicht in °Oe

78,6

79,7

78,7

Säure in g/l

10,1

10,2

10,1

eine statistische Sicherung besteht zwischen den Varianten mit  Folie und ohne Folie, aber nicht zwischen den verschiedenen Folienarten.
* Differenz signifikant
** Differenz hoch signifikant
Ausbringung der Folie ca. Mitte August

 

Abbildung 1 : Reflektorfolie bei Riesling 1998-2001

Ein Versuch bei Spätburgunder Klon Samtrot im Jahr 2001 ergab, wie aus Tabelle 3 ersichtlich, ebenfalls nur einen recht geringen Mostgewichtsunterschied zugunsten der Folienvariante. Nachdem dort bereits am 29.09., d. h. am Ende der Schlechtwetterperiode, gelesen werden musste, war hier mangels Strahlungsgenuss über den gesamten September hinweg auch kaum mit einem positiven Einfluss zu rechnen. Der Ertrag wurde in dieser weniger wüchsigen Parzelle (Abbildung 2) durch die Folie nicht erhöht. Unter den gegebenen Bedingungen der lockeren Laubwand, des lediglich mittleren Wuchses, der späten Ertragsreduktion sowie der lockeren Trauben kam es durch die Reflektorfolie zu keinem erhöhten Botrytisbefall. Die von  Schultz (3) veröffentlichten Ergebnisse aus 1997 - 1999 deuten ebenfalls auf sehr geringe positive Einflüsse durch die Reflektorfolienanwendung hin.

Tabelle 3: Reflektorfolie bei Samtrot 2001

Varianten

kg/a

°Oe

g/l S

Vergleich

80,8

85

9,9

Ausdünnung auf 1 Traube/Trieb

53,6

89,1

9,6

Ausdünnung plus Reflektorfolie

53,4

90,8

8,6

Ausdünnung am 05.08.2001
Folienausbringung am 15.08.2001
Lese am 29.09.2001

 

Abb. 2: Die frühzeitige Entblätterung schafft besonders günstige Bedingungen für die Belichtung der Trauben bei Reflektorfolienanwendung

Einfluss auf die Weinqualität

Die bisherigen Verkostungen bei der Sorte Riesling aus den Jahren 1999 und 2000 ergaben kaum Unterschiede zugunsten der Folie. Die parallel ausgebauten Weine aus den Parzellen mit unterschiedlichen Entblätterungsterminen wiesen dagegen größere Unterschiede z. B. in der Aromaausprägung auf. Lediglich in einem Falle wiesen die 99er Weine aus den Parzellen mit Reflektorfolie eine leicht weniger spitze Säure sowie eine größere Harmonie gegenüber denjenigen aus der Kontrolle auf. Ein Einfluss auf Mineralstoff- und Extraktwerte der Weine konnte trotz relativer Wasserknappheit im Jahr 1999 nicht festgestellt werden. Auch die Phenolwerte der Weine unterschieden sich bei den Varianten mit und ohne Folie nicht. Unterschiede traten jedoch in Abhängigkeit der Entblätterung auf. Hier lagen bei früheren Terminen höhere Werte vor. Diese lagen jedoch absolut im geschmacklich positiven Bereich.

Der Versuch aus dem Jahr 2001 mit Spätburgunder Klon Samtrot ergab in den analytischen Daten der Weine - Tabelle 4 - lediglich im Gesamtphenolgehalt deutliche Unterschiede. Hier unterscheidet sich der Vergleich deutlich von der Variante "Ausdünnung", während die Folienanwendung entgegen den Erwartungen keine Vorteile brachte. Auch in der Farbsumme der Weine lagen keine Unterschiede zugunsten der Reflektorfolienvariante vor, wohl aber - wie zu erwarten - bei zusätzlichem Barriqueausbau. Die Ergebnisse von  Schultz (4) bezüglich höherer Kaliumwerte sowie erhöhter Farbwerte können somit bei unseren Untersuchungen nicht bestätigt werden. Die Verkostung ergab dagegen bei Folienanwendung eine deutlich höhere Punktebewertung nach DLG-Schema. In Abbildung 3 ist das Ergebnis der deskriptiven Verkostung vom 12.06.2002 dargestellt. Aus dem Netzdiagramm geht hervor, dass sich die erfassten Attribute/Bewertungen insgesamt nur wenig unterscheiden. Die Folienvariante sticht jedoch leicht, in Kombination mit Barriqueausbau sogar deutlich, heraus. Inwieweit die Unterschiede mit zunehmender Lagerdauer größer werden, müssen die weiteren Verkostungstermine zeigen. Gesamtheitlich betrachtet "macht es jedoch Sinn", das weinbaulich optimierte Traubengut auch kellerwirtschaftlich optimiert auszubauen, um für den Verbraucher im Sinne eines Summeneffektes höchstmögliche Qualität anbieten und damit einen Wettbewerbsvorteil erzielen zu können.

Tabelle 4: Analytische Daten und Weinbeurteilung Samtrot 2001

Variante

Alk. g/l*

Zufr. Extrakt
g/l

Restextrakt
g/l

Kalium
mg/l

Gesamtphenol
mg/l

DLG 5 Punkte
(12.06.2002)

Vergleich

96,6

22,6

12,6

1091

1230

2,54

Ausdünnung 1 Traube/Trieb

95,4

22,9

12,8

1168

1513

2,46

Ausdünnung plus Reflektorfolie

95,5

22,6

12,8

1158

1545

2,93

Ausdünnung/Reflektorfolie/Barrique

94,9

23,7

12,8

1141

1549

3,09

Ausdünnung am 05.08.2001
Folienauslegung am 15.08.2001
Lese am 29.09.2001
* alle auf gleiches Niveau angereichert

 

Abbildung 3: Ergebnis der deskriptiven Verkostung (12.06.2002) bei Samtrot Jahrgang 2001

Fazit

Nach vierjährigen Untersuchungen bei Riesling konnte lediglich eine geringe Qualitätsverbesserung durch Auslegung von Reflektorfolien, was Mostdaten sowie den späteren Wein angeht, erzielt werden. Die in südlichen Regionen erzielten, recht positiven Ergebnisse konnten somit bei uns bisher nicht bestätigt werden. Ähnliche Ergebnisse wie bei Weinreben wurden bei Versuchen in Obstkulturen in Deutschland ermittelt, wo die erwarteten, positiven Effekte nicht in ausreichendem Umfang erzielt werden konnten und wirtschaftliche Aspekte die Anwendung in der Praxis nicht angeraten erscheinen lassen. Unter Berücksichtigung der Material- und Ausbringungskosten ist deshalb auch im Weinbau, selbst im Premiumbereich, die Anwendung nach derzeitigem Kenntnisstand ökonomisch kritisch zu beurteilen. Die vorgestellten Ergebnisse bei Rotwein zeigen, ähnlich wie bei Riesling, nur geringe positive Einflüsse durch die Anwendung von Reflektorfolien. Inwieweit dies bei späteren Verkostungsterminen deutlicher wird, muss offen bleiben. Ein interessanter Ansatz im Sinne der Qualitätsverbesserung ist auf jeden Fall gegeben.

Um die Risiken zu früher Reife einzuschränken und möglichst positive Ergebnisse zu erzielen, sind besten Lagen, wuchsschwächeren Beständen sowie spätreifenden Sorten mit lockerbeerigen Trauben der Vorzug zu geben. Die Versuche werden in diesem Jahr nochmals wiederholt.

Literatur:

( 1) Fox, R. (2001): Anwendung von reflektierenden Unterstockfolien im Weinbau. Gibt es qualitative Vorteile?
Rebe und Wein 54 (12), 26 - 30
(2) Schultz, H. R. et al (2000): Technischer Einsatz und Eignung von reflektierenden Unterstockfolien zur Produktion von hochwertigen Weinen in Hang- und Direktzuglagen. ATW Jahresbericht 2000, 90 - 91
(3) Schultz, H. R., (2000): Einfluss von reflektierenden Unterstockfolien - Gibt es qualitative Vorteile? Tagungsbericht 36. Betriebsleitertagung Geisenheim, 18 - 25
(4) Schultz, H. R. (2002): Technischer Einsatz und Eignung von reflektierenden Unterstockfolien zur Produktion von hochwertigen Weinen in Hang- und Direktzuglagen.
Tagungsband ATW-Beratertagung, 5 - 6

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