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Schwarzfleckenkrankheit - wieder ein akutes Problem

von Dr. W. K. Kast und H.-C. Schiefer
LVWO Weinsberg
E-Mail:
walter.kast@lvwo.bwl.de  und hanns-christoph.schiefer@lvwo.bwl.de


Durch die für den Pilz optimalen Bedingungen im Mai 2002 hat sich der Erreger der Schwarzfleckenkrankheit (Phomopsis) besonders in Trollingeranlagen aber auch bei anderen Rebsorten massiv ausgebreitet. Da die aktuelle Gefahr neben der Witterung beim Austrieb auch sehr stark von vorhandenem Potential auf den im Vorjahr befallenen Rutenteilen abhängt, muss geprüft werden, ob sich eine Bekämpfung lohnt.

Verbreitung und wirtschaftliche Bedeutung

Der Erreger der Schwarzfleckenkrankheit ist weltweit verbreitet. Schäden verursacht er zumeist in Gebieten, in denen in der Phase des Rebenaustriebs häufig Niederschläge fallen. In Mitteleuropa wird er etwa seit 1960 verstärkt beobachtet.

Die Anfälligkeit der Rebsorten ist sehr unterschiedlich. Hoch anfällig sind z. B. Müller-Thurgau, Kerner und Trollinger. Eine relativ große Anfälligkeit weisen auch die Sorten Dornfelder und Lemberger auf, eine mittlere Anfälligkeit Riesling und Silvaner. Wenig befallen werden alle Burgundersorten. Anlagen mit schwachem Wuchs werden zwar nicht stärker befallen aber stärker geschädigt.

Der Pilz kann bei starkem Befall den Ertrag deutlich reduzieren. Die Abschätzungen der Verluste ergaben einen mittleren Verlust von 10 % des Ertrages, wenn etwa 40 % der Ruten Befallssymptome (weiße Verfärbung) aufwiesen. Der Befall verringert auch das Ertragspotential im Folgejahr, da die basalen Augen teilweise nicht austreiben. Die Auswirkungen entsprechen in diesem Fall einem verkürzten Anschnitt, d. h., in der Regel ist die Qualität der verbleibenden Trauben durch die Menge-Güte-Relation höher. Eine gezielte Bekämpfung ist deshalb nicht immer wirtschaftlich. Ob Bekämpfungsmaßnahmen wirtschaftlich sind, hängt sehr stark vom Wert des Ertrags und den Produktionszielen ab. Qualitätsgesichtspunkte haben bei Phomopsis keine Bedeutung, langfristig ist der Befall eher als qualitätsförderlich zu betrachten. Eine Bekämpfung ist dagegen oft wirtschaftlich, wenn hohe Erträge erzielt werden sollen und für die betreffende Sorte hohe Erlöse winken. In der Regel ist eine Bekämpfung unwirtschaftlich, wenn die Erträge über dem Ziel liegen und eine bessere Qualität vorrangig ist. Voraussetzung ist, dass ein höherer Ertrag unter Beachtung der gesetzlichen Höchstmengenregelung noch vermarktet werden kann. Die wirtschaftliche Bekämpfungsschwelle ist dann stark vom Erlös je Hektar abhängig. Sie liegt bei höheren Erlösen (15.000 €/ha) bei ca. 1 weiß verfärbten Internodium, bei geringen (5.000 €/ha) bei etwa 4 weiß verfärbten Internodien je Rute.

Neben den Ertragsverlusten werden als Problem oft eine Deformation des Stockaufbaus und eine erhöhte Bruchgefahr beim Rutenbiegen genannt. Diese Probleme ließen sich in exakten Versuchen nur begrenzt belegen. In unbehandelten Anlagen war die Ansatzstelle der Ruten im extremsten Fall (Trollinger nach mehrjährig extremem Befall, 5 weiß verfärbte Internodien) um 4 cm höher als in den intensiv behandelten Varianten. In den meisten Versuchanlagen war kein Unterschied festzustellen. Ein vermehrtes Brechen der Ruten konnte nicht nachgewiesen werden.

Schadbild

Der Pilz zerstört vorzugsweise die obersten Zellschichten junger, im Zellteilungs- und Streckungswachstum befindlicher Reborgane. Die geschädigten Pflanzenteile sind zunächst nur schwer von gesunden zu unterscheiden. Junge, noch im Streckungswachstum befindliche Blättchen zeigen zunächst nur eine leichte Bronzierung. Mit bloßem Auge deutlich sichtbare Symptome treten aber erst bei der weiteren Entwicklung auf. Nach einer Inkubationszeit von 3 – 4 Wochen entwickeln sich an den Blättern durch den Befall Deformationen und punktförmige chlorotische Aufhellungen. Meist fallen die stark geschädigten Blätter im Juli ganz ab. Triebe platzen bei Befall oberflächlich auf, und bilden schorfartige Nekrosen aus. Grundsätzlich können alle grünen Pflanzenteile, zum Beispiel auch Trauben- und Blattstiele oberflächlich nekrotisiert werden. Die Nekrosen sind jedoch hauptsächlich auf Triebe und andere Pflanzenteile begrenzt, die sich in der Nähe und insbesondere unterhalb von befallenen, verholzten Teilen des Rebstocks befinden. Schwach wachsende Rebstöcke werden besonders stark befallen.

Bei starkem Befall verkrüppeln die stammnahen Ruten und das Wachstum ist reduziert. Im Winter wächst der Pilz in die bisher unbeschädigten Teile der Borke ein, die sich dadurch zunehmend weiß verfärbt. Ab Februar bilden sich in den weißen Borketeilen kleine, schwarze Punkte, die Sporenlager (Pyknidien) des Pilzes. Oft treiben die basalen Augen schlechter aus, so dass die vorgesehene Formierung beim Rebschnitt erschwert ist. Befallen werden vorzugsweise stammnahe und von tieferen Stellen nach oben wachsende Triebe.

Verwechslungsmöglichkeiten

Die anfänglichen Symptome beim Austrieb, insbesondere im 3-Blatt-Stadium (BBCH13) sind leicht mit den von Kräuselmilben verursachten Schäden zu verwechseln. Bei beiden Schaderregern werden hauptsächlich stammnahe Triebe geschädigt. Bei Befall durch Kräuselmilben treiben jedoch vermehrt auch Beiaugen und Geiztriebe aus und die basalen Internodien sind extrem kurz. Bei Phomopsisbefall ist die Internodienlänge dagegen meist normal. Am leichtesten ist eine Differenzierung durch eine genaue Kontrolle der Oberfläche der Internodien möglich. Kräuselmilben verursachen keine oberflächlich sichtbaren Nekrosen an den Trieben.
Nekrosen an der Oberfläche der grünen Triebachse und verkrüppelte Blätter können beim Austrieb auch durch Thripse verursacht werden. Durch Thripse ausgelöste Schäden sind im Gegensatz zu Phomopsisschäden jedoch nicht auf den stammnahen Bereich beschränkt und nicht in einem engen räumlichen Zusammenhang mit weiß verfärbten Teilen der einjährigen Ruten zu finden, sondern gleichmäßig über den Stock verteilt. Eine eindeutige Diagnose ist jedoch nur durch eine Kontrolle der Blattunterseiten auf vorhandene Thripslarven möglich.
Weiße Verfärbungen an den Ruten können auch durch Botrytis verursacht werden. Im Gegensatz zu Phomopsis fehlen jedoch bei Botrytisbefall die kleinen schwarzen Punkte (Pyknidien). Botrytisbefall ist eher am oberen Ende der Ruten und in der Traubenzone zu finden, Phomopsisbefall dagegen immer schwerpunktmäßig an der Basis der Ruten.

Biologie

Eine geschlechtliche Vermehrungsform des Pilzes wurde bisher in Europa nicht gefunden. Der Pilz wird deshalb bisher systematisch den Deuteromyceten (Pilzen ohne geschlechtliche Vermehrungsform) zugeordnet.
Die Bildung von Sporen erfolgt in den 0,2 – 0,4 mm großen, als schwarze Punkte in den weiß verfärbten Teilen der Ruten deutlich sichtbaren Pyknidien. Die Sporen sind eingebettet in eine gelatinöse Masse. Der Ausstoß der Sporen erfolgt durch Quellungsvorgänge dieser Masse bei länger anhaltender Feuchte (1 – 2 Tage) ab Temperaturen von ca. 5° C .
Die Sporen werden bei Regenfällen überwiegend mit dem abfließenden Wasser nach unten verlagert und infizieren nahezu ausschließlich die engere Umgebung des Ortes ihrer Freisetzung, hauptsächlich unterhalb der Freisetzungsstelle. Der Befall beschränkt sich deshalb meist auf die basalen Triebteile oder Teile, die von Tropfen getroffen werden, die von darüber liegenden, befallenen Pflanzenteilen abfließen.
Probleme bereitet der Erreger besonders bei ungünstigen Erziehungssystemen, bei denen sich grüne Pflanzenteile unterhalb des befallenen Holzes befinden (Umkehrerziehung, Vertiko-Erziehung) und Schnittsystemen, bei denen ein großer Teil des befallenen Rebholzes am Stock verbleibt (Kordonschnitt).

Die Sporen keimen schon ab etwa 1° C. Infiziert wird fast ausschließlich junges Gewebe in der Phase der Zellteilungs- oder Zellstreckung, d. h., die obersten 10 cm des Triebes. Massive Infektionen erfolgen, wenn die Reben infolge kühler Witterung längere Zeit in der Phase vom Knospenausbruch bis etwa zum 3-Blatt-Stadium (BBCH 07 – BBCH 13) verharren und gleichzeitig anhaltende Feuchte herrscht. Besonders gefährdet sind auch Wasserschosse, die entlang des Rebstammes hochgebunden werden sowie ungünstige Erziehungssysteme, bei denen sich viele Triebspitzen unterhalb des befallenen, einjährigen Holzes befinden (Umkehrerziehung, Vertiko-Erziehung). Die großräumige Ausbreitung dürfte vorzugsweise durch Veredlungsmaterial und Pfropfreben erfolgen. Abgeschnittenes, befallenes Rebholz stellt wegen der speziellen Ausbreitungsart kein nennenswertes Infektionspotential dar.
Die Infektionen an den grünen Trieben werden von der Rebe durch Bildung eines Abschlussgewebes (Korkkambiums) auf die äußeren Gewebebereiche beschränkt. Der Pilz geht in eine Ruhephase über und wächst im abgetöteten Gewebe und den angrenzenden Borketeilen erst wieder unter kühlen und feuchten Bedingungen im Winter weiter. Er hat dabei extrem niedrige Temperaturansprüche und wächst bereits ab + 1°C.
Die Befallsintensität ist neben geeigneten Witterungsbedingungen sehr stark vom vorhandenen Sporenmaterial, d, h, von der Menge der weiß verfärbten Borke abhängig. In der Regel baut sich das Befallspotenzial über mehrere Jahre mit für den Erreger günstigen Bedingungen, kühl-feuchten Perioden beim Austrieb auf.

Behandlung

Eine Reduktion des Befallspotenzials ist durch konsequenten Anschnitt möglichst gesunder Ruten möglich. Da die gesündesten Ruten meist am höchsten Punkt ansetzen, führt dies aber zu Problemen im Stockaufbau, dem sogenannten Hochbauen der Rebstöcke.

Eine direkte Bekämpfung ist mit Folpet (Folpan 80 WDG), Dithiocarbamaten (z. B. Polyram WG, Dithane Ultra und NeoTec) sowie mit Strobilurinen (Flint) möglich. Netzschwefel-Präparate (3-4 kg/ha) haben eine fast genauso gute Nebenwirkung. Die wichtigsten Beämpngstermine liegen zwischen Knospenaufbruch bis die Triebe etwa 10 cm lang sind (BBCH 07 – BBCH 19). Danach reichen in der Regel die Nebenwirkungen der erforderlichen Peronospora- und Odiumbekämpfungsmaßnahmen aus. Da in der Austriebsphase sich innerhalb weniger Tage die Relation der behandelten Zielfläche zum Neuzuwachs drastisch verschlechtert, ist eine gezielte Behandlung kurz vor Regenperioden auf der Basis von Wetterprognosen am sichersten.

Abbildungen:

 

Abbildung 1: Schorfartige Nekrosen an den Trieben im Winter => wesentliche Schäden

 

Abbildung 2: Verkrüppelte Blätter und aufgeplatzte Triebe => frühe Symptome

 

 

 

 

Abbildung 3: Weißrutigkeit mit Pyknidien beim Austrieb => Sporenpotenzial

 

Abbildung 4: Sporenausstoß in gallertartiger Masse => lokale Ausbreitung

 

 

 

 

Abbildung 5: nestförmiger Befall vorzugsweise unterhalb des befallenen Holzes => Konsequenz der spezifischen Ausbreitungsbedingungen

 

 

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