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Speisekarte der Raubmilbe Typhlodromus pyri

von R. Engel und W. K. Kast, LVWO Weinsberg

 

Die Raubmilbe Typhlodromus pyr i ist ein weit verbreiteter Nützling. Sie kommt auf nahezu der gesamten Welt vor. Obwohl sie ihren Namen von Pyrus, also der Birne hat, bewohnt sie neben Obstgehölzen und verschiedenen Laubbäumen und Sträuchern auch die Reben. Auf letzteren ist sie die bei uns dominierende Art unter den Raubmilben.

Die Raubmilbe T.pyri gilt allgemein als der Hauptfeind der Roten Spinne Panonychus ulmi und der Bohnenspinnmilbe Tetranychus urticae . Umgekehrt galten die Spinnmilben als die wichtigste Nahrungsgrundlage der Raubmilben. Es sind allerdings einzelne Fälle bekannt, in denen es trotz eines hohen Raubmilbenbesatzes zu einer Übervermehrung der Spinnmilben kam, während die Dichte der Raubmilben gleichblieb oder sogar abnahm. Dabei zeigte keine der Raubmilben die für Spinnmilbenfraß charakteristische rote Verfärbung. Umgekehrt gab es auch Flächen, in denen fast keine Spinnmilben zu finden waren, sich aber eine große Raubmilbenpopulation aufhielt. Offenkundig mußten sich die Raubmilben von anderen Dingen ernährt haben. Dazu wurden in den Jahren 1987 bis 1990 in Weinsberg Untersuchungen durchgeführt, von deren Ergebnissen im folgenden berichtet werden soll.

1. Fütterungsversuche

Die Raubmilben können sich von einem breiten Nahrungsspektrum pflanzlicher und tierischer Herkunft ernähren und vermehren. Als Kriterium hierfür dient insbesondere die durchschnittliche Eiablage bei einer entsprechenden Ernährung (Tab.1).

 

Tabelle 1: Durchschnittliche Eiablage der Raubmilbe Typhlodromus pyri nach Fütterung mit verschiedenen Nahrungsquellen

Nahrung

Eier/Tag

Perldrüsen

0,36

Pollen von verschieden Bäumen

0,34 – 1,31

Pollen von verschiedenen Gräsern

0,47 – 0,97

Rebpollen (verschiedene Sorten)

0,10 – 0,40

Blattgallmilben

1,45

Kräuselmilben

1,28

Thripse

0,57

Rote Spinne

0,31

Bohnenspinnmilbe

1,00

 

Zu den pflanzlichen Nahrungsquellen zählen Pollen verschiedener Spezies und die von der Rebe selbst gebildeten Perldrüsen. Insbesondere die Pollen der im Frühjahr blühenden Laub- und Nadelbäume Buche, Eiche, Walnuß, Bruchweide, Fichte (Abb.1) und Kiefer besitzen sehr günstige Nahrungsqualitäten für die Raubmilben. Weniger gut schneiden die Pollen der Hainbuche und der Birke ab. Verschiedene verbreitet vorkommende Süßgräserpollen bieten ebenfalls günstige Voraussetzungen für eine Ernährung der Raubmilben. Hierzu gehören vor allem der Wiesenfuchsschwanz, das Knäuelgras und die Wiesenrispe. Auch einige krautige Pflanzenarten wie Wegerich, Hahnenfuß und Bingelkraut besitzen Pollen mit guter Nahrungsqualität für die Raubmilben. Der Rebenpollen selbst schnitt bei den Fütterungsversuchen allerdings nicht so gut ab. Die besten Resultate wurden hier mit der Sorte 'Kerner' erzielt. Perldrüsen werden ebenfalls besaugt (Abb.2). Jungtiere sind bei ausschließlicher Aufnahme von Perldrüsen jedoch nicht in der Lage, ihre Entwicklung normal fortzuführen. Erwachsene Raubmilben können hingegen Eier ablegen, nachdem sie sich von Perldrüsen ernährt haben.

 

 

 

 

Abb. 1: Raubmilbe beim Aussaugen von Pollenkörnern

 

Abb. 2: Raubmilbe besaugt Perldrüse

 

Bei den tierischen Nahrungsquellen dominierten die beiden an der Rebe vorkommenden Gallmilbenarten Eriophyes vitis (Pockenmilbe) und Calepitrimerus vitis (Kräuselmilbe) in der Gunst der Raubmilben. Es wurden dabei nicht nur sehr viele Eier abgelegt, auch die Entwicklung der Raubmilben verlief beschleunigt. T.pyri dürfte also in der Lage sein, bei Vorhandensein von Gallmilben schnell eine Population aufzubauen.

Bei Verfütterung von Larven des auf Reben häufig vorkommenden Thrips Drepanothrips reuteri ergaben sich ähnliche Verhältnisse wie bei der Perldrüsenfütterung. Bereits erwachsene Raubmilben können durchschnittliche Anzahlen an Eiern ablegen, wenn sie sich zuvor von Thripslarven ernährt haben (Abb.3). Die Jungstadien der Raubmilben sind jedoch zu schwach, um die sich heftig wehrenden Thripslarven festzuhalten, so daß eine Aufzucht mit letzteren nicht möglich war.

 

 

Abbildung 3: Raubmilbe frißt Thripslarve

 

Spinnmilben schließlich werden je nach Spinnmilbenart und Raubmilbenalter unterschiedlich gern ausgesaugt. Bohnenspinnmilben wurden unter den gegebenen Laborbedingungen gern angenommen und ergaben gute Reproduktionsleistungen der Raubmilben. Eine Ernährung mit Roter Spinne hatte auf die Entwicklung der Raubmilben jedoch einen sehr restriktiven Einfluß. Nur bereits erwachsene Raubmilben nahmen die Spinnmilben in ausreichendem Maße auf (Abb.4) und konnten dann einige Eier ablegen.

 

  Raubmilb4.jpg (6472 Byte)

Abb. 4: Raubmilbe beim Aussaugen einer Roten Spinne

 

Durch ein Angebot von mehreren Nahrungskomponenten sollte festgestellt werden, welche von T.pyri bevorzugt wird. Die dabei erzielten Resultate spiegeln im wesentlichen die Ergebnisse der Einzelfütterung wider. Gallmilben und Pollen schienen demnach die höchsten Präferenzen zu haben, wohingegen die Rote Spinne nur ungern angenommen wurde.

2. Freilanderhebungen

Welche Auswirkungen hat nun das Vorhandensein von Raubmilben auf die entsprechenden Nahrungsquellen im Freiland? Wenn man die Raubmilben durch den Einsatz eines stark schädigenden Mittels - etwa eines synthetischen Pyrethroides - weitgehend eliminiert, so läßt sich beobachten, daß alle potentiellen Nahrungsquellen in erhöhter Anzahl vorkommen. Offenkundig werden sämtliche Schädlinge von den Raubmilben dezimiert. Sowohl die Spinnmilbenzahlen als auch die Thripszahlen werden signifikant reduziert. Der gleiche Effekt ist bei den Perldrüsen sichtbar. Da Thripslarven und Perldrüsen vor allem im Gipfelbereich vorkommen, sind die Effekte dort noch deutlicher. Die Blattgallmilbenbonitur im Freiland ergab auch hier höhere Werte in den "Decis"-Parzellen als in der Kontrolle. Für Kräuselmilben liegen derartige Versuchsergebnisse nicht vor. Es läßt sich aber allgemein feststellen, daß Kräuselmilben verstärkt dort Probleme bereiten, wo keine Raubmilben vorhanden sind. Dies ist vor allem in Junganlagen und bei einer die Raubmilben schädigenden Spritzfolge der Fall.

3. Ernährung der Raubmilben im Jahresverlauf

Die vorgenannten Ergebnisse ergeben noch kein umfassendes Bild der Ernährungssituation der Raubmilben im Freiland. Die Fütterungsversuche im Labor ergaben zwar Hinweise auf die Eignung einer potentiellen Nahrungsquelle; ob diese am jeweiligen Standort vorkommt und auch genutzt wird, mußten dagegen die Freilanderhebungen in Form von Zählungen und Bonituren klären. Bei leicht zu erfassenden Nahrungsquellen wie Spinnmilben, Thripsen und Perldrüsen war dies relativ einfach zu bewerkstelligen. Bei den schwerer zu erfassenden Pollenkörnern und Gallmilben waren auch die Ergebnisse weniger eindeutig. Diese Lücke konnte mittels elektrophoretischer Untersuchungen von im Freiland gefangener Raubmilben geschlossen werden. Bei diesem Verfahren lassen sich bestimmte Enzyme der im Darm der Raubmilben befindlichen Nahrungssubstanzen nach weisen.

Unter Einbeziehung letztgenannter Analysemethoden läßt sich die Ernährung von T.pyri im Weinberg wie folgt charakterisieren (ein vereinfachtes Schema der Ernährung ist in Abb.5 wiedergegeben):

 

Abb. 5: Schema der Ernährungsweise von Typhlodromus pyri im Jahresverlauf

 

Zur Zeit des Austriebs und kurz danach spielen die pflanzlichen Nahrungsquellen Perldrüsen und Pollen verschiedener im Frühjahr blühender Bäume (insbesondere Buchen und Kiefern) die dominierende Rolle bei der Ernährung von T.pyri. Auch Kräuselmilben (Calepitrimerus vitis) - sofern sie überhaupt vorkommen - dürften zu diesem Zeitpunkt noch einen wichtigen Teil der Raubmilbendiät ausmachen, da sie hier noch auf eine geringe Blattfläche konzentriert sind. Etwas später (ab Ende Mai) spielen sie und die Perldrüsen vermutlich nur noch eine untergeordnete Rolle, wenn man vom Triebspitzenbereich absieht. Zu diesem Zeitpunkt besteht jedoch ein hohes Angebot an Gräserpollen, was von T.pyri dann fast ausschließlich genutzt wird, wie die elektrophoretischen Untersuchungen zeigten. Ab etwa Mitte Juni läßt auch dieses Angebot wieder nach, zu diesem Zeitpunkt blüht aber die Rebe selbst. Der dabei freigesetzte Pollen nimmt gleichfalls einen erheblichen Teil der Diät von T.pyri zu dieser Zeit ein, obwohl er nach den Fütterungsversuchen (Tab.1) nur eine eher unterdurchschnittliche Vermehrung der Raubmilbe erlaubt. Ebenfalls ab etwa der Rebblüte spielen die Blattgallmilben (Eriophyes vitis) eine wichtige Rolle bei der Ernährung der Raubmilben. In diese Richtung weisen sowohl die Fütterungsversuche als auch die Freilanderhebungen und die elektrophoretischen Untersuchungen. Thripslarven werden ab Juni ebenfalls verzehrt. Ihre Bedeutung ist jedoch geringer einzuschätzen als die der übrigen Nahrungsquellen, da sie vorwiegend im Gipfelbereich anzutreffen sind, auf dem sich nur ein kleiner Teil der Raubmilbenpopulation aufhält, wie begleitende Erhebungen zur Verteilung der Raubmilben in der Laubwand beweisen. Dessen ungeachtet bilden sie hier während des Hochsommers vermutlich den wichtigsten Teil der Raubmilbendiät. Die elektrophoretischen Untersuchungen lieferten Hinweise, daß zu diesem Zeitpunkt auch Pollen als Nahrung in Frage kommt. Allerdings dürften diese nur lokal eine wesentliche Rolle bei der Raubmilbenernährung spielen. Dazu gehören die Pollen des Beifußes, des Einjährigen Bingelkrautes, des Amaranths und eventuell auch des Maises. Einzige Ausnahmen bilden hier die Pollen der Brennessel, die in zahlenmäßig hohen Konzentrationen vorliegen. Ihre Biomasse ist jedoch viel geringer als die anderer Pollen, da sie deutlich kleiner sind. Zudem entwickeln sich die Raubmilben bei Fraß von Brennesselpollen nur mäßig. Pollen hat daher ab etwa der Jahresmitte nicht mehr die Bedeutung wie im Frühjahr für die Ernährung von der Raubmilben. An dieser Stelle sei vermerkt, daß T.pyri auch über längere Zeiträume ohne Nahrung überleben kann. Dieser Fähigkeit dürfte in Rebanlagen ohne Blattgallmilben und Thripse eine nicht unbedeutende Rolle zukommen. Erst der ab dem Hochsommer auftretende Nahrungsmangel dürfte, verbunden mit den wegen des nachlassenden Triebwachstums ansteigenden Populationsdichten der Spinnmilben auf Reben, zu einer höheren Verzehrrate von Roter Spinne durch T.pyri führen. Darauf deuten sowohl die ab dem Hochsommer steigenden Anzahlen roter Raubmilben als auch die entsprechenden elektrophoretischen Nachweise hin. Man sieht also: Die erwähnten Nahrungsquellen sind äußerst wichtige Komponenten der Ernährung im Jahresverlauf. Erst durch ihre Nutzung kann sich eine hohe Raubmilbenpopulation aufbauen, die dann im Spätsommer Spinnmilbenkalamitäten verhindern kann.

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