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Steigerung der Beerengröße bei Tafeltrauben


 

Dr. F. Rueß

LVWO Weinsberg

 

Aufgrund der Reform der deutschen Weinmarktordnung im Jahr 2000 war erstmalig auch in Deutschland der Anbau von Tafeltrauben möglich. In der Folge der Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen wurden die Forschungsaktivitäten zu dieser "neuen"obstbaulichen Kultur deutlich intensiviert. Rasch stellte man fest, dass das übliche Handelssortiment (samenlose Sorten wie Thompson Seedless, Sultaninen etc.) aufgrund des hohen Wärmeanspruchs nicht für die deutschen Klimate geeignet war. Zudem konzentrierte man sich anfangs der Forschungsaktivitäten auf den Anbau von krankheitstoleranten bzw. resistenten Sorten. Einerseits, um den Verbraucherforderungen hinsichtlich rückstandsfreier Ware nachzukommen, andererseits aber auch aufgrund des Mangels an zugelassenen Pflanzenschutzmitteln im Tafeltraubenbereich gegen die einschlägigen Schaderreger und Krankheiten an der Rebe.

 

Die hierfür in Frage kommenden Traubensorten wiesen aber alle Defizite hinsichtlich Traubenform und Beerengröße auf. Eine ansprechende Tafeltraube sollte einen lockeren Traubenaufbau besitzen, so dass die einzelnen Beeren bequem und ohne Beschädigung der nebenstehenden Beeren aus der Traube entnommen werden können. Zudem stellt sich speziell bei den samenlosen Sorten das Problem der Beerengröße. Mangels Traubenkernen und dem damit verbundenen pflanzlichen Hormonfluss sind Beeren dieser Sorten naturgegeben klein. Daher gibt es in allen Tafeltrauben erzeugenden Ländern entsprechende Zulassungen für Wirkstoffe, welche die Beerengröße fördern.

 

Analog zu deren Vorgehensweise wurde im Jahr 2005 mit dem Einsatz von Gibberellin zur Qualitätsregulierung bei den dichtbeerigen samenlosen Sorten Romulus und Lakemont begonnen (siehe Tabelle 1). GA3 wird bereits seit Ende der 50er Jahre in den Tafeltrauben erzeugenden Ländern zur Erhöhung des Beerengewichts und zur Streckung des Stielgerüsts eingesetzt. In Deutschland war GA3  (Handelsprodukt GIBB3) bis März 2008 als Pflanzenstärkungsmittel im Obstbau ausschließlich zum Schutz vor nicht parasitären Beeinträchtigungen wie Spätfrostschäden und Fruchtberostung bei Birne und Apfel gelistet. Das Produkt ist mittlerweile aus der Liste gestrichen, Anwendungen im Keltertraubenanbau zur Förderung der Traubengesundheit sind nur nach Genehmigung gemäß §11 des Pflanzenschutzgesetzes (Gefahr im Verzug) möglich. Der Einsatz ist zudem auf bestimmte Traubensorten beschränkt  (z.B. Burgunder-Gruppe, Schwarzriesling) und dient der vorbeugenden Behandlung der Essigfäule.

 

Tabelle 1: Versuchsanstellung 2005

Variante

Beerengewicht

in g

Beerendurchmesser

in mm

Zuckergehalt

in % Brix

Auswirkungen auf die Gescheinsausbildung

Im Folgejahr

Anzahl Gescheine

je Trieb

Gescheinslänge

in cm zur Blüte

Sorte Romulus (samenlos)

V1 Kontrolle

1,2

12,9

22,1

2,0

6,6

V2 GA3 2x, CPPU 1x

1,6

14,7

19,7

1,7

6,2

V3 GA3 2x, CPPU 2x

2,2

15,8

17,1

1,6

6,1

V4 Sito 2x

2,2

15,6

18,2

1,6

7,8

Sorte Lakemont (samenlos)

V1 Kontrolle

1,1

12,3

20,6

1,8

7,8

V2 GA3 2x, CPPU 1x

2,0

14,8

18,9

1,6

7,1

V3 GA3 2x, CPPU 2x

2,7

16,6

19,1

1,1

7,2

V4 CPPU 2x

2,0

14,8

18,9

1,6

8,4

V1: Kontrolle (unbehandelt)

V2: GA3 20 ppm auf junge Gescheine, GA3 40 ppm Abblüte, Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 6 mm Beerengröße

V3: GA3 20 ppm auf junge Gescheine, GA3 40 ppm Abblüte, Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 3 und 6 mm Beerengröße

V4: Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 3 und 6 mm Beerengröße

 

Wie Abbildung 1 zeigt, kommt es bei Anwendung von GA3 tatsächlich zu einer deutlichen Streckung des Traubengerüsts, so dass die vergrößerten Beeren dort auch Platz finden und sich nicht gegenseitig abdrücken. In der Regel erfolgt die Applikation von GA3 zur Zeit der Blüte in Aufwandmengen zwischen 5 und 40 ppm. Während die Streckung des Traubengerüsts der erwünschte Effekt dieser Behandlung ist, so sind doch die Nebenwirkungen von GA3 eher unerwünscht: Bei allen untersuchten Sorten kam es im Folgejahr zu einer Reduktion der Gescheinsanzahl sowie zur Verkürzung der Gescheine in den GA-behandelten Parzellen (Tabelle 1-3). Damit einher ging eine deutliche Ertragsreduktion.

 

Auswirkungen von GIBB3 und Sitofex auf die Beeren- und Gescheinsgröße

 

Die Reaktion der Sorten auf GA3 ist dabei sehr unterschiedlich. Während Muscat bleu und Nero bereits im Behandlungsjahr komplett verrieselten und eine starke Reduktion der Gescheinsausprägung im Folgejahr zeigten, ist dies bei anderen Sorten weniger stark ausgeprägt. In jedem Fall leidet das Ertragsvermögen unter der Gibberellin-Applikation. Aus diesem Grund und mangels Genehmigung des Wirkstoffs in Deutschland sowie mittlerweile deutlich besserer lockerbeeriger neuer Tafeltraubensorten, wurden die Versuche mit GA3 2008 eingestellt. Letztendlich wurden damit die Ergebnisse aus den 60er Jahren am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof zu diesem Wirkstoff bestätigt, die damals aufgrund der Mindererträge ebenfalls zur Einstellung der Forschungstätigkeit führten.

Deutlich weniger Erfahrungen liegen in Deutschland zu dem Wuchsstoff CPPU (Wirkstoff Forchlorfenuron, Handelsprodukt Sitofex) vor. CPPU wurde Mitte der 70er Jahre in Japan entdeckt und ist ein synthetisches Cytokinin. Mitte der 90er Jahre wurde es in Südafrika und Chile bei Tafeltrauben zugelassen. Seit 2006 ist der Wirkstoff auf Antrag Spaniens in den Anhang I der EU-Wirkstoffliste (91/414/EWG) für Pflanzenschutzmittel aufgenommen. Das Handelsprodukt Sitofex ist in den meisten Tafeltrauben erzeugenden Ländern der EU verfügbar.

 

Ausprägung der Gescheine im Folgejahr - Kontrolle

Ausprägung der Gescheine im Folgejahr - GIBB3 behandelt

 

Wie die Versuche über alle Jahre zeigen, ist CPPU ein Wirkstoff mit hoher Wirkungssicherheit zur Steigerung der Beerengröße. Die besten Resultate werden bei samenlosen Trauben erzielt, wo die Beerengröße sogar über 100% gesteigert werden kann (siehe Romulus, Lakemont, Artemis). Bei samenhaltigen Sorten beträgt die Steigerung immerhin noch 20-40%. Der Wirkungsunterschied ist vermutlich auf den natürlichen Cytokinin-Ausstoß der Beerensamen zurückzuführen. Mehrmalige Applikationen hintereinander verbessern die Wirkung. Durch die Behandlung mit CPPU kommt es zu einer Reifeverzögerung von bis zu 14 Tagen. Die Beerenausfärbung setzt später ein, bzw. die Beeren bleiben grün. Auch liegen die Zuckergehalte niedriger als in der unbehandelten Kontrolle und der Geschmack ist im direkten Vergleich geringfügig schlechter. Die niedrigeren Zuckergehalte sind vermutlich auf das vergrößerte Beerenvolumen und damit auf eine veränderte Mengen-Güte-Relation zurückzuführen. Die alleinige Behandlung mit CPPU führte zu keiner Ertragsdepression bzw. zu keinen Gescheinsveränderungen im Folgejahr. Lediglich die Kombination mit GA3 hatte diese Effekte.

 

Auch wenn CPPU mittlerweile in die EU-Wirkstoffliste aufgenommen wurde, so besteht kaum Hoffnung, dass die Vertreiberfirma eine Zulassung für Deutschland anstrebt. Dazu ist die Anbaufläche der bundesdeutschen Tafeltraubenbestände zu klein und die Zulassung entsprechend unrentabel. Aus diesem Grund wurde 2006 Benzyladenin (Handelsprodukt Globaryll) in die Versuchsanstellung mit aufgenommen (Tabelle 2). Dieser Wirkstoff gehört ebenfalls in die Gruppe der Cytokinine und steht seit geraumer Zeit zur Zulassung als Ausdünnungsmittel im Kernobst an. Wie die Versuche zeigen, hat BA bei Tafeltrauben leider nicht die gleiche Wirkungssicherheit wie CPPU. Die erzielten Beerengewichte waren deutlich geringer. Benzyladenin ist insofern kein Ersatz für CPPU bei Tafeltrauben.

 

Tabelle 2: Versuchsanstellung 2006

Variante

Beerengewicht

in g

Beerendurchmesser

in mm

Zuckergehalt

in % Brix

Auswirkungen auf die Gescheinsausbildung

Im Folgejahr

Anzahl Gescheine

je Trieb

Gescheinslänge

in cm zur Blüte

Sorte Palatina (samenhaltig)

V1 Kontrolle

2,5

15,6

18,2

1,9

15,6

V2 GA3 1x, CPPU 2x

3,1

16,5

18,2

1,3

12,2

V3 GA3 1x, BA 2x

2,8

16,2

17,7

1,1

11,8

V4 Sito 3x

2,7

15,7

18,6

1,7

15,1

Sorte Lilla (samenhaltig)

V1 Kontrolle

4,2

18,6

16,2

1,6

19,3

V2 GA3 1x, CPPU 2x

5,9

21,5

17,2

1,4

15,8

V3 GA3 1x, BA 2x

4,4

18,8

17,1

1,4

18,3

V1: Kontrolle (unbehandelt)

V2: GA3 5 ppm auf Blüte, Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

V3: GA3 5 ppm auf Blüte, Benzyladenin 50 ppm bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

V4: Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm ab 5 mm Beerengröße 3x im Abstand von 10 Tagen

 

Seit wenigen Jahren befindet sich das Pflanzenstärkungsmittel Plato / Platina im Handel. Dieses Produkt ist in Deutschland als Pflanzenstärkungsmittel "bei Süßkirschen und anderem Obst zur Steigerung der Platzfestigkeit der Früchte"registriert. Es handelt sich dabei um die Aminosäure Tryptophan, die eine zentrale Rolle bei der Bildung des pflanzeneigenen Hormons Auxin spielen soll. Sie fungiert quasi als Vorstufe der Indolessigsäure.

 

Tatsächlich hat Plato nahezu die gleichen größensteigernden Effekte wie das Vergleichsprodukt CPPU (Tabellen 3 und 4). Wie bei Forchlorfenuron ist auch hier die Wirkung bei den samenlosen oder wenig samenhaltigen Sorten am größten (Artemis, California Gold), während samenhaltige Sorten weniger Wirkung zeigen. In 2 Versuchsjahren hatte die mit Tryptophan behandelte Sorte Artemis um 70-90% größere Beeren als die unbehandelte Kontrolle. Die samenhaltige Sorte Muscat bleu reagierte dagegen gar nicht und Palatina nur wenig. Die reifeverzögernden Effekte sind nicht so stark einzustufen wie beim Einsatz von CPPU. Über die Wirkung auf die Gescheinsausprägung im Folgejahr liegen noch keine Zahlen vor. Analog zu CPPU dürfte es hier aber keine Effekte geben.

 

Tabelle 3: Versuchsanstellung 2007

Variante

Beerengewicht

in g

Beerendurchmesser

in mm

Zuckergehalt

in % Brix

Auswirkungen auf die Gescheinsausbildung

Im Folgejahr

Anzahl Gescheine

je Trieb

Gescheinslänge

in cm zur Blüte

Sorte Palatina (samenhaltig)

V1 Kontrolle

2,3

14,9

17,1

1,5

14,5

V2 GA3 1x, CPPU 2x

3,1

16,8

17,3

1,1

10,8

V3 GA3 1x, Plato 2x

3,0

16,3

18,0

0,8

11,6

Sorte Artemis (samenlos)

V1 Kontrolle

1,8

12,6

14,7

N.e.

N.e.

V2 GA3 1x, CPPU 2x

3,2

15,5

13,6

N.e.

N.e.

V3 GA3 1x, Plato 2x

3,2

16,2

13,1

N.e.

N.e.

N. e. = nicht erhoben

V1: Kontrolle (unbehandelt)

V2: GA3 5 ppm auf Blüte, Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

V3: GA3 5 ppm auf Blüte, Tryptophan 75 ppm (Plato) bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

 

optimale Fruchtqualität durch Giberrellin- und CPPU-Behandlung - Kontrolle

optimale Fruchtqualität durch Giberrellin- und CPPU-Behandlung - GA3 1x + CPPU 2x

Bild 4+5: optimale Fruchtqualität durch Giberrellin- und CPPU-Behandlung (Kontrolle [oben] und GA3 1x + CPPU 2x)

 

Tabelle 4: Versuchsanstellung 2008

Variante

Beerengewicht

in g

Beerendurchmesser

in mm

Zuckergehalt

in % Brix

Sorte Muscat bleu (samenhaltig)

V1 Kontrolle

4,2

18,9

17,9

V2 CPPU 2x

3,9

18,1

16,6

V3 Plato 2x

3,7

18,1

20,7

V4 Plato 4x

3,6

17,6

16,9

Sorte Artemis (samenlos)

V1 Kontrolle

2,2

13,9

14,6

V2 CPPU 2x

4,1

17,5

13,6

V3 Plato 2x

4,2

17,0

11,5

V4 Plato 4x

3,5

16,3

14,7

Sorte California Gold (samenhaltig)

V1 Kontrolle

3,6

21,3

17,2

V2 CPPU 2x

2,7

18,8

15,1

V3 Plato 2x

6,1

20,0

14,1

V4 Plato 4x

6,9

20,4

15,9

V1: Kontrolle (unbehandelt)

V2: Forchlorfenuron (CPPU) 5 ppm bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

V3: Tryptophan 75 ppm (Plato) bei 5 mm Beerengröße und 10 Tage später

V4: Tryptophan 75 ppm (Plato) ab 5 mm Beerengröße im Abstand von 10 Tagen

 

Mittlerweile liegen vielversprechende neue samenlose Tafeltraubensorten vor. Im Zusammenspiel mit den beschriebenen Maßnahmen zur Steigerung der Beerengröße und Traubenqualität  wird das Produkt  "Tafeltrauben aus deutschem Anbau"im europäischen Vergleich zumindest qualitativ zunehmend wettbewerbsfähiger. Es steht zu hoffen, dass sich dies auch in kostendeckenden Preisen des LEH niederschlägt, damit der deutsche Anbau weiter ausgedehnt werden kann.

 

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