Service-Navigation

Suchfunktion

Stiellähmebekämpfung mit Magnesiumblattdüngern- Einfluß auf die Weinqualität?

Rudolf Fox, Dietmar Rupp, Lothar Tränkle und Peter Steinbrenner 
Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg
74189 Weinsberg, Traubenplatz 5

Rudolf.Fox@lvwo.bwl.de

Stiellähme ist nach wie vor bei anfälligen Sorten und auf magnesiumarmen Böden wie Muschelkalk oder Löß in Verbindung mit auslösender, ungünstiger Witterung eine gefürchtete physiologische Störung.

Nicht nur der direkte Befall mit Mostgewichts- und Ertragsverlust sowie der im Einzelfall erheblich erhöhte Aufwand für die selektive Lese sind von Bedeutung, sondern auch die Besiedlung des abgestorbenen Gewebes durch Botrytis mit anschließend höherem Anteil an Bodentrauben. Gerade der verrieselungsempfindliche Traminer, aber auch Riesling, Müller-Thurgau, Kerner, Lemberger und Trollinger können besonders gravierende Einbußen durch Stiellähme erleiden. Zum einen kann dies zu erheblichen Mengenverlusten führen - siehe Abbildung 1. Andererseits kann ein höherer Anteil von stiellahmem Lesegut grasige, bittere Töne im Wein hervorrufen. Handelt es sich um Sorten mit „zartem" Weincharakter" wie beispielsweise Traminer, Müller-Thurgau oder Gutedel, kommt ein stiellähmebedingter Bitterton im Wein eher störend zur Geltung als z. B. bei einem gerbstoffreichen Rotwein. Deshalb ist generell, besonders jedoch bei maschineller Ernte, durch vorbeugende Maßnahmen der Befall auf ein Minimum zu begrenzen.

Abbildung 1: Stiellähme bei der Sorte ’Lemberger’.
Rechts: gesunde Traube, links: Traube mit nekrotischem Stielgerüst, weitgehend abgestorben

Wenn auch die Bestände heute im Wachstum durch Begrünung und begrenzte N-Düngung ausgeglichener sind als z. B. in den 1970er Jahren, ist dennoch Vorsicht geboten. Denn wie im Jahr 1996 können die auslösenden Faktoren immer wieder überraschend ihre Schadwirkung entfalten. Gerade das in den letzten Jahren wieder gestiegene N-Düngungsniveau und der zunehmende Anteil offener Böden spricht für verstärktes Auftreten, wenn zusätzlich noch die Witterungsbedingungen förderlich sind. Dass der Stiellähme durch sachgerechte Laubarbeiten, insbesondere Auslichtung der Traubenzone, effektiv vorgebeugt werden kann, soll nebenbei in Erinnerung gerufen werden.

Über Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten der Stiellähme liegen aus den 1980er Jahren umfangreiche Untersuchungen und Veröffentlichungen vor .
Ein wesentliches Ergebnis dieser Arbeiten ist der Anwendungszeitpunkt der Magnesiumpräparate. So ist ein gute Wirkung dann zu erwarten, wenn die Spritzungen relativ spät, also bis zum Zeitpunkt des Reifebeginns oder sogar leicht danach erfolgen.
Bei einem phänologisch sinnvollen, aber doch relativ späten Einsatz der Stiellähmemittel stellt sich zu Recht die Frage der Weinqualität . Insbesondere wurde bisher als Folge der Stiellähmebekämpfung vor allem das vermehrte Auftreten von Böcksern befürchtet und deshalb den genossenschaftlich organisierten Weingärtnern in Württemberg die Spätbehandlung untersagt.

Versuchsfrage und Versuchsansatz

Im Versuch bei der Sorte Lemberger stand deshalb die Frage der Weinqualität im Vordergrund (Tabelle1).

Durch die Differenzierung bezüglich der Anzahl der Spritzungen und Termine sollte der pflanzenbaulich sinnvollen Behandlung um den Reifebeginn Rechnung getragen und eine mehr oder weniger gute Wirkung erzielt werden. Mit dem späten Termin (24. bis 27.08., je nach Jahr) sollte gleichzeitig eine „praxisgerechte Rückstandsproblematik" entstehen. Durch die Verwendung von Bittersalz (Magnesiumsulfat) und Falnet (Magnesiumoxid) sollten die praxisgängigen Formen auf ihre pflanzenbauliche Wirksamkeit sowie insbesondere denkbare Nebenwirkungen im Hinblick auf die Weinqualität geprüft werden. Starke Auslichtung der Traubenzone gegen Ende Juli sollte eine gute Belagsbildung sowie einen ausreichenden Wirkungsgrad sichern. Der Versuch wurde in den Jahren 1997 - 1999 durchgeführt. Beim Boden des Versuchsstandortes handelt es sich um eine Gipskeuperverwitterung mit Lößbeimengungen. Es ergaben sich - je nach Jahr - Zeitabstände zwischen Blattdüngung und Ernte beim vorgezogenen Termin von 49 bis 52 Tagen sowie 60 - 70 Tagen zum normalen Lesetermin.

Tabelle 1: Versuchsansatz

Varianten

1

Unbehandelt

2

Bittersalz (Mg-Sulfat) 2-mal*

3

Bittersalz (Mg-Sulfat) 4-mal**

4

Falnet (Mg-Oxid) 2-mal*

5

Falnet (Mg-Oxid) 4-mal**

* bis ca. Ende Juli (Traubenschluss)
** bis ca. 25. August bzw. Reifebeginn

- Ausbringung mit Solo Minor gemeinsam mit Fungizidbehandlung bzw. beider letzten Behandlung separat und bevorzugt in die Traubenzone bei 600 l/ha.
- Bittersalz
4 %ig entsprechend 24 kg/ha
- Falnet 1 %ig entsprechend
6 kg/ha
- Je 2 Wiederholungen mit 3,4 bis 5,7 Ar je Einzelparzelle
- Oidiumbekämpfung bis zur Blüte mit Schwefel, ab Nachblüte mit organischen Mitteln.
- Peronosporaabschlussspritzung mit Kupferkalk.

Weinausbau und sensorische Bewertung

In Tabelle 2 sind die Varianten des Weinausbaus wiedergegeben. Neben den beiden bis zum Reifebeginn behandelten Varianten sollten die unbehandelten Trauben der Kontrollparzellen sowohl mit als auch ohne stiellahme Anteile verarbeitet werden.
Hiermit sollte geklärt werden, inwieweit sich die verschiedenen Präparate bzw. Magnesiumformen, aber auch ein mehr oder weniger großer Anteil stiellahmen Lesegutes gerade bei der anfälligen Sorte Lemberger auf das Geruchs- und Geschmacksbild des Weines auswirken. Der Vergleich der durch die Behandlungsmittel „belasteten" Varianten mit der Variante „Unbehandelt ohne stiellahme Anteile" sollte zur Klärung der Vorzüglichkeit der Verfahren beitragen.
Um die Wirkung eventuell unterschiedlicher Rückstandsfrachten auf den Gärverlauf und die spätere Weinqualität zu erfassen, wurde zu einem vorgezogenen (13. - 17. 10.) und zu einem normalen (26. 10. - 03.11.) Lesetermin geerntet und getrennt ausgebaut.
Alle Weine wurden hinsichtlich der analytischen Kennwerte untersucht, abgefüllt und zu mehreren Terminen sensorisch geprüft. Bewertungskriterium war sowohl die Rangfolge der Varianten als auch die Ausprägung qualitativer Attribute (deskriptive Sensorik). Eine weitere Kostergruppe bewertete nach Punkten (5-Punkte-Schema).

Tabelle 2: Ausbauvarianten

Weinausbauvarianten

1.1

Unbehandelt

ohne stiellahme Anteile

1.2

Unbehandelt

einschließlich stiellahmer Anteile

3

Bittersalz 4 x

einschließlich stiellahmer Anteile

5

Falnet 4 x

einschließlich stiellahmer Anteile

Ausgebaut wurden die Varianten mit Zusatzbehandlungen bis Reifebeginn sowohl zu einem vorgezogenen wie auch normalen Lesetermin.

Ergebnisse

Wirkung der eingesetzten Mittel

Insgesamt trat die Stiellähme in den 3 Versuchsjahren infolge guter Blührate sowie witterungsbedingt nur schwach auf. Der Befall beschränkte sich meist auf kleinere Seitenverzweigungen sowie den unteren oder äußeren Bereich des Stielgerüstes. In den Jahren 1997 und 1998 lag die Befallshäufigkeit bei 10 - 22 % die Befallsstärke jedoch unter 1 % des Lesegutes, im Jahr 1999 erreichte die Befallsstärke in der Variante „Unbehandelt" 2 - 3 % der Traubenmenge. Hier konnte, wie geplant, getrennt nach gesund und mit stiellahmen Anteilen ausgebaut werden.
Unabhängig vom eingesetzten Produkt konnte jedoch nachweislich in den Jahren 1997 und 1999 bei Behandlung bis zum Reifebeginn wie erwartet ein besserer Erfolg erzielt werden, als wenn nur bis Traubenschluss behandelt wurde. Dies bestätigt frühere Erfahrungen.
Da in allen Jahren nur sehr wenig Stiellähme auftrat lag ein Einfluss auf Erträge und Mostgewicht nicht vor.

Gärverlauf und analytische Daten

In allen 3 Jahren konnte bei allen Varianten ein zügiger Gärverlauf bei hohem Endvergärungsgrad erzielt werden. Dies traf für den normalen wie auch den vorgezogenen Lesetermin zu. Befürchtete Böckserbildungen durch erhöhte Sulfatfracht bei der Variante "Bittersalz" traten nicht auf. Die Analysewerte der Weine bezüglich Kalium, Kalzium und Magnesium unterscheiden sich in Abhängigkeit der Varianten nur sehr gering.
Der vorgezogene Lesetermin weist dabei naturgemäß besonders bei Kalium geringere Werte auf. Die Wiederfindung der ausgebrachten Magnesiumblattdünger deutet sich in einem enger werdenden Verhältnis von Kalium zu Magnesium sowie Calcium zu Magnesium in den behandelten Varianten an. Die Aschewerte sind in den behandelten Varianten erwartungsgemäß leicht höher als bei den Weinen aus unbehandelten Trauben.
Zuckerfreier Extrakt, Restextrakt und Farbsumme lassen keine Unterschiede erkennen. Im Vergleich der Mittelwerte haben jedoch die mit Magnesiumsulfat behandelten Varianten in allen Versuchsjahren die höchsten Phenolgehalte.

Verkostungsergebnisse

Aus den Tabellen 3 a und 3 b gehen die Ergebnisse der Verkostungen aus dem normalen sowie vorgezogenen Lesetermin hervor. Alle 3 Jahrgänge wurden dabei zu 4 Terminen nach der deskriptiven Methode auf sortentypische Attribute, sowie den negativen Parameter "bitter/ziehend" (jeweils Intensitätsstufe 1 - 5) wie auch nach Rangfolge bewertet.
Bei den Attributen "Schwarze Johannisbeere", "Brombeere" und "Körper" traten zu beiden Leseterminen praktisch keine Unterschiede in Abhängigkeit der Varianten auf. Das Attribut „bitter/ziehend" weist im Mittel der Jahre zum vorgezogenen Lesetermin in den behandelten Varianten etwas erhöhte Werte auf. Dies deckt sich mit der dort etwas schlechteren Rangfolge sowie der mit einer anderen Kostergruppe ermittelten Punktzahl (Tabellen 4 a und 4 b). Zum normalen Lesetermin lagen zwischen der Kontrolle und den beiden behandelten Varianten weder bei den Attributen noch der Rangfolge sowie Punktzahl Unterschiede vor. Als Beispiel für das Ergebnis der deskriptiven Weinbewertung soll das Netzdiagramm Abbildung 2 dienen. Es zeigt optisch die geringen Unterschiede.

Tabelle 3 a: Verkostungsergebnisse Prüfergruppe 1. Ausprägung der Einzelmerkmale und Rangfolge. Jeweils Mittelwert über 4 Verkostungen. Normaler Lesetermin
(1= Merkmal nicht vorhanden, 5= Merkmal sehr stark ausgeprägt)

Jahr

 1997 

1998

1999

Variante

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Johannisbeere

2,5

2,3

2,4

2,2

2,3

2,1

2,4

2,6

2,3

Brombeere

2,6

2,5

2,8

2,6

2,4

2,4

2,4

2,6

2,4

Körper

3,0

3,2

3,1

2,9

2,8

2,7

2,7

2,8

2,7

grüner Paprika

1,7

1,9

1,8

1,6

2,0

1,7

1,7

1,8

1,5

bitter/ziehend

1,9

2,1

1,9

2,0

2,3

2,1

2,2

2,1

1,8

Rang

2,0

2,1

1,9

1,7

2,1

2,3

2,2

2,5

2,5

 

Tabelle 3 b: Verkostungsergebnisse Prüfergruppe 1. Ausprägung der Einzelmerkmale und Rangfolge. Jeweils Mittelwert über 4 Verkostungen. Früher Lesetermin
(1= Merkmal nicht vorhanden, 5= Merkmal sehr stark ausgeprägt)

Jahr

1997

1998

1999

Variante

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Johannisbeere

2,5

2,3

2,4

2,2

2,3

2,3

2,4

2,4

2,4

Brombeere

2,6

2,5

2,5

2,5

2,4

2,1

2,6

2,5

2,5

Körper

3,2

3,0

3,0

2,8

2,7

2,7

2,7

2,9

2,8

grüner Paprika

1,6

1,6

1,7

1,7

2,0

2,1

1,8

1,7

1,6

bitter/ziehend

1,8

2,4

2,1

2,1

2,5

2,7

2,3

2,3

2,3

Rang

1,6

2,3

2,1

1,9

1,9

2,2

2,5

2,4

2,4

 

Tabelle 4 a: Verkostungsergebnisse Prüfergruppe 2. Erreichte Punktzahl. Jeweils Mittelwert über 2 Verkostungen, normaler Lesetermin .

Jahr

1997

1998

1999

Variante

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Punkte

2,8

3,3

2,6

2,8

2,4

2,0

3,0

3,0

2,6

 

Tabelle 4 b: Verkostungsergebnisse Prüfergruppe 2. Erreichte Punktzahl. Jeweils Mittelwert über 2 Verkostungen, früher Lesetermin .

Jahr

1997

1998

1999

Variante

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Kontrolle

Mg-sulfat

Mg-oxid

Punkte

3,0

2,3

2,5

3,0

2,6

2,5

2,7

3,1

2,6

 

Abbildung 2: Deskriptive Weinbewertung. Normallese 1997. Die grafische Darstellung im Relativmaßstab unterstreicht die große Ähnlichkeit der einzelnen Varianten.

Fazit und Folgerungen für die Praxis

Der bessere Wirkungsgrad von magnesiumhaltigen Blattdüngern zum Termin Weichwerden (Reifebeginn) gegenüber früheren Terminen hat sich in Versuchen mit der Sorte Lemberger erneut bestätigt. Ein Einfluss auf „Rückstandswerte" des Traubengutes, den Gärverlauf sowie die analytischen Daten der Weine war selbst bei vorgezogenem Lesetermin nicht nachweisbar.
Die Verkostungsergebnisse ergaben ebenfalls keine absicherbaren Unterschiede bei den nach der deskriptiven Bewertung erfassten Attributen, der Rangfolge wie auch der Punktzahl. Die Weine aus behandelten, früh gelesenen Trauben wurden nur im Einzelfall von einzelnen Kostern als leicht bitterer oder ziehender eingestuft als die Weine der Kontrollparzellen.
Bei sachgerechter Anwendung der Stiellähmemittel (Einhaltung von Konzentration, Mittelmenge/ha und Wartezeit) ist somit keine Beeinträchtigung der Weinqualität zu befürchten. Die aus den Einzelbeobachtungen ableitbaren, im ungünstigsten Fall auftretenden leicht nachteiligen Wirkungen spielen damit in der Gesamtschau eine geringe Rolle.
Beim Einsatz der Stiellähmemittel ist sortenspezifisch vielmehr mit erheblichen Vorteilen, was die Gesundheit des Lesegutes, den geringeren Anteil an Bodentrauben sowie den Leseaufwand angeht, zu rechnen.

Literatur:
Die verwendete Literatur kann bei den Autoren angefragt werden.

Fußleiste