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Multi-Sinne-Show-Premiere in Weinsberg
Oder: Wie Weinaromen visualisiert und mit Musik und Wein in Harmonie gebracht werden können

R. Fox
LVWO Weinsberg
E-Mail:
fox@lvwo.bwl.de

 

Unter diesem Motto fand am Abend des 3.5.2000 im Rahmen der Erwachsenenfortbildung der LVWO Weinsberg - eine eindrucksvolle„Multi-Sinne-Show" statt; so Kilian Krauth von der Heilbronner Stimme. R. Fox eröffnete die Veranstaltung mit dem Versprechen: „Sie erleben heute eine Art Premiere. Der Kommunikationsdesigner Norbert Bretschneider, Geisenheim-Johannisberg (Rheingau), wird heute die Sinneseindrücke des Weines in Form von Bildern, besser gesagt optisch eingefangenen oder visualisierten Aromen, mit Musik und beschreibenden Worten in Einklang bringen, und wir bieten jeweils einen dazu passenden Wein. Stellen Sie Ihre Sinne auf Empfang und lassen Sie sich in die Welt der Sinnlichkeit entführen."

Vorweg ging Bretschneider der Frage nach, wie sich die Eindrücke des Weines in Worte fassen bzw. visualisieren lassen. Saftig, erdig, blumig? Geruch nach Apfel/Pfirsich? Weder mit den früheren Bezeichnungen noch mit den heute gebräuchlichen, an Fruchtaromen angelehnten Attributen, läßt sich das „Phänomen" Wein treffend beschreiben. Zu sehr sind die Aromen vermischt ? eben „weinig".

Zunächst steht der Gedanke an eine Visualisierung von Aromen im Widerspruch mit sich selbst. Aromen lassen sich konkret nur über Nase und Mund erfahren, auch wenn einige Farben, wie die von Himbeeren, auch dem Auge schon Deutliches assoziieren. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Fähigkeiten nicht bei jedem Menschen gleich gut ausgebildet sind.  Frauen beispielsweise haben die bessere Nase und jeder von uns weiß, dass schon ein Schnupfen genügt, um Geruch und Geschmack so stark zu beeinträchtigen, dass man selbst seinen Lieblingswein schwer wieder erkennt. Wie wir das Erlebnis Wein empfinden, hat auch sehr mit Gewohnheiten und eigenen Erfahrungen zu tun und ist im wesentlichen eine emotionale Angelegenheit, die wiederum zum großen Teil von der Tagesform und nicht minder vom augenblicklichen Umfeld beeinflusst wird. Was heute säurebetont schmeckt, kann morgen durchaus harmonisch empfunden werden.
Weingenuss wirkt direkt auf die Emotionen. Diese sind aber im eigentlichen Sinne abstrakt! Das bedeutet: Empfindungen lassen sich nicht graduell differenzieren und daher auch nicht oder nur unzureichend präzise mit Worten beschreiben. Sie können aber sehr gut mit Hilfe von Farben ausgedrückt werden. Farben und Formen sind Mittler von Emotionen, drücken Intensität und Spannung aus, vermitteln Wärme, Neutralität oder Kälte.

Die Kunst als Mittler zum Wein? Auf jeden Fall und als Botschafter nicht der schlechteste, denn gleichzeitig formuliert die Kunst seit alters her nicht umsonst auch den Status des Getränkes Wein.
Farben üben auf jedes lebende Wesen einen enormen Einfluss aus. Oft mehr, als lieb ist. Unbewußt verwendet jeder von uns manchmal bildhafte Vergleiche, die an Farben angelehnt sind, z. B. "Rotsehen", jemandem "Grün sein", "Blaumachen". Grün als Beispiel bedeutet nicht nur Zuneigung, es signalisiert auch Säure, wie bei grünen Äpfeln. Dagegen sind Kiwi, Mango, Ananas geschmacklich häufig eher süß und Frühling, Frische, Wachstum, Vegetation werden ebenfalls als grün dargestellt. Es sind die Farben des Umfeldes, die den Klang ausmachen. Daran ist zu erahnen, wie sehr Assoziatives und Emotionales auf uns einwirkt und unbewußt unser Handeln bestimmt.
"Weinaromen visuell" zeigt den Wein als Erlebtes. „Ich nutze die Erfahrungen der Farbpsychologie sowie Analogien für die Bilddarstellung, um auch das auszudrücken, wo die Worte fehlen", stellt Bretschneider fest. Wie Sie persönlich die Bilder empfinden, hängt weitgehend vom eigenen Erfahrungspotenzial ab und soll auch bewußt Ihre eigene Sache bleiben", rief Bretschneider den Zuhörern zu. „Verstehen Sie die Bildtitel deshalb nicht als Diktat, sondern versuchen Sie, Ihre eigene Erfahrung damit zu machen. Lassen Sie sich nun ein auf Ihre Sinne, auf das, was Sie sehen, was Sie riechen, was Sie schmecken und was Sie hören", lud Bretschneider nach diesen Gedanken zum eigentlichen „Erleben" ein.

Nach diesen "Trockenübungen" folgte Praxis: So wurde ein 99er blumiger Riesling Kabinett mit feiner Säure gereicht, der von Bretschneider in einem großprojizierten Bildmotiv dargestellt wurde: ein Weinglas mit flüchtigen, lebendigen Reflexen und duftigem Inhalt in einer Umgebung, die an Monet’s Mohnblumen erinnerte. Zum Genuss für Auge, Nase und Mund erklang als weitere Steigerung der rassige erste Satz des Frühlings aus Vivaldi’s "Vier Jahreszeiten". Die Komposition eines Rieslings mit viel Rasse, Spiel, Finesse und Lebendigkeit mit einer ebenso facettenreichen Bild/Tonkomponente wurde als mitreissender Start in die 13stöckige Probe empfunden.
Weiter ging es mit einer 98er Riesling Spätlese mit frischen Duftnoten von Waldmeister sowie Zitrusaromen und von filigraner Art, die optisch begleitet wurde von einem Motiv in gelblich-grünen Tönen, das Weinglas, wie auch bei allen anderen Motiven, in Probierhaltung mit eingefangenen Spiegelungen. Dazu erklang das Menuetto aus Mozarts "Haffner-Symphonie", einer tänzerisch-heiteren Musik, deren unwiderstehlicher Charme zum Zuhören zwingt.
Zum Trollinger paarte der Referent ein Motiv mit gelblich-roten Farbeindrücken auf hellbläulichem Grund mit der Annen-Polka von Johann Strauß. Carmina Burana und blau-rote Farben erzeugten verblüffende Übereinstimmung mit einem feurigen, ausdrucksstarken Burgunder sowie schließlich als vorläufiger Höhepunkt zu einer Samtrot Auslese tiefes Granatrot mit einem Ausschnitt aus der "Feuerwerksmusik" von Georg Friedrich Händel.
Tief beeindruckt von dieser "Sinnenshow" verließen die etwa 70, meist jungen Teilnehmer nach nahezu drei Stunden die gelungene Veranstaltung. Nun gilt es, das Erlebte durch eigene Aktivitäten zur Förderung unseres Kulturgutes Wein auch in das Bewußtsein der Verbraucher und damit in den eigentlichen Weingenuss einzubringen. Die sicherste Werbung für Deutschen Wein dürfte immer noch sein: "Tue Schönes und rede darüber!"

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