Service-Navigation

Suchfunktion

Welchen Einfluß hat der Heuwurmbefall auf den Botrytisbefall der Trauben?

von Dr. Walter K. Kast
LVWO Weinsberg
E-Mail: walter.kast@lvwo.bwl.de

Einbindiger Traubenwickler - Motte 

Die Einschätzung des wirtschaftlichen Schadens durch die 1. Generation des Traubenwicklers (Heuwurm) hat sich in den letzten Jahren in Deutschland wesentlich verändert. Die Erträge im Weinbau sind weitgehend durch gesetzliche Regelungen beschränkt. Moderne, ertragreiche Klone überschreiten sehr leicht die gesetzlichen Höchstmengen. Größere Bedeutung als Ertragsverluste hat unter diesen Bedingungen eine mögliche Beeinträchtigung der Weinqualität. Eine Verminderung des Ertragspotentials kann unter diesen gesetzlichen Rahmenbedingungen zu höherer Weinqualität führen und in Einzelfällen sogar die wirtschaftliche Leistung einer Rebfläche verbessern. Fraßschäden an Gescheinen vor und während der Blüte können zudem bei Reben durch eine bessere Entwicklung der verbleibenden Blütenstände oft weitgehend ausgeglichen werden ( SCHNEIDER 1957, BASLER u. BOLLER 1976).

EinbindTraubwicklarve.jpg (9179 Byte)

 

Heuwurmgeschein.jpg (6557 Byte)

Larve des Einbindigen Traubenwicklers

 

vom Heuwurm befallenes Geschein

Eine Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Leistung wäre aber durch eine Förderung des Fäulniserreger Botrytis cinerea möglich. Der Befall der 2. Generation des Traubenwicklers erhöht durch die Verletzung der Beeren eindeutig den Botrytisbefall ( SCHRUFT 1983, KAST und MUNDER 1990) . Da die Gespinnste der ersten Generation zusammen mit Blütenresten oft lange in den jungen Trauben hängenbleiben und abgestorbenes Material gerne von Botrytis besiedelt wird, ist ein Übergreifen auf den verbleibenden Rest der jungen Traube nicht auszuschließen. Wie stark ein Befall der ersten Generation des Einbindigen Traubenwicklers den Botrytis-Befall erhöht, wurde an der LVWO Weinsberg in den Jahren 1985 und 1989 untersucht.

Versuchsdurchführung

Im Jahr 1985 wurden in 8 verschiedenen Parzellen in der Reblage Talheimer Schloßberg bestockt mit den Sorten Kerner (4 unterschiedliche Stickstoffdüngungsvarianten), Scheurebe, Ehrenfelder, Spätburgunder und dem relativ botrytisresistenten Spätburgunderklon Mariafeld jeweils 250 Gescheine markiert, die von der ersten Generation Eupoecilia ambiguella befallen waren. Entsprechend wurde an einem benachbarten Trieb ein unbefallenes Geschein in gleicher Insertionshöhe als Vergleich markiert. Ausgewertet wurde der Befall durch Botrytis cinerea an Gescheinen nach einer mehrtägigen Regenperiode am 10.7. (ES13). (Schätzung des durch Botrytis zerstörten Teils des Gescheins in %). Der prozentuale Befall der Trauben durch Botrytis cinerea wurde an 3 Terminen (29.8./18.9./8.10.) in % geschätzt. Alle 250 Trauben der bei der Eupoecilia Befallstypen "befallen"/"unbefallen" wurden jeweils zusammen geerntet, verwogen, gemaischt und aus dem Presssaft das Mostgewicht ( ° Oe) bestimmt.

Im Jahr 1989 wurden analog in der Reblage Heilbronner Stiftsberg bei der sehr botrytisanfälligen Sorte Frühburgunder in 10 Parzellen je 50 befallene und unbefallenen Trauben markiert. Der Botrytisbefall wurde am 16.8. (ES35) und bei der Lese (22.9.) bestimmt. Die Trauben der beiden Befallstypen wurden ebenfalls je Parzelle zusammen geerntet und aus der Maische das Mostgewicht ermittelt.

Ergebnisse

Im Jahr 1985 trieben in der Versuchsanlage wegen der Winterfrostschäden nur Beiaugen aus. Die Traubenzahl war deshalb gering und die Einzeltrauben sehr klein aber extrem kompakt.

Nach einer Regenperiode trat kurz vor der Blüte ein sehr starker Botrytisbefall an den Gescheinen auf. Dieser war an den vom Traubenwickler befallenen Gescheinen wesentlich höher. Der Botrytisbefall an den Trauben blieb relativ gering und war bei den beiden Varianten an allen Boniturterminen etwa gleich hoch. Das Gewicht der vom Heuwurm befallenen Trauben war deutlich, im Mittel der Varianten, um ca. 27% geringer.

 

Tabelle 1: Botrytisbefall und Ertragsdaten vom Heuwurm befallener und nicht befallener Gescheine (verschiedene Parzellen, 1985)

Sorte (Variante)

% Botrytis (Gescheine)

% Botrytis 29.8.

% Botrytis 18.9.

% Botrytis 8.10.

g/Traube

° Oe

Heuwurmbefall

Heuwurmbefall

Heuwurmbefall

Heuwurmbefall

Heuwurmbefall

Heuwurmbefall

ohne

mit

ohne

mit

ohne

mit

ohne

mit

ohne

mit

ohne

mit

Kerner (0 kgN § )

25,0

45,0

0,12

0,03

0,22

0,24

1,23

1,50

113,8

75,3

93

93

Kerner II (50 kgN)

12,5

25,0

0,11

0,12

0,21

0,14

1,22

0,94

112,5

103,3

92

90

Kerner III (100 kgN)

40,0

19,7

0,33

0,22

0,45

0,59

1,28

1,75

122,5

105,0

90

90

Kerner IV (150 kg/N)

12,5

20,0

0,43

0,39

0,75

0,36

1,79

1,30

112,5

89,3

91

91

Scheurebe

12,5

25,0

0,27

0,61

0,24

0,58

2,15

2,57

134,8

102,0

83

82

Ehrenfelser

33,1

49,7

0,51

0,40

0,71

1,05

7,31

3,47

81,0

57,5

82

83

Spätburgunder

25,0

64,6

0,42

0,08

0,43

0,50

1,76

1,43

96,5

64,8

88

90

Spätbg. Kl. Mariafeld

12,5

36,8

0,02

0,05

0,02

0,27

0,13

0,29

118,8

80,0

81

82

Mittel

21,6

35,7

0,27

0,25

0,38

0,47

2,11

1,66

115,5

84,6

87,4

87,6

T-Test

*

n.s.

n.s.

n.s.

*

n.s.

§ Varianten eines langjährigen Düngungsversuches; n.s., *: nicht signifikant, bzw. signifikant (P=0,05)

 

Im Jahr 1989, einem Jahr mit hohen Erträgen auch bei der Rebsorte Frühburgunder, unterschieden sich dagegen die Traubengewichte nicht wesentlich. Anfänglich trat Botrytis nur gering, kurz vor der Lese aber sehr stark auf. Der Botrytisbefall der vom Heuwurm befallenen Trauben war 1989 an beiden Terminen signifikant bzw. hoch signifikant höher als bei den befallsfreien. Die Differenz ist allerdings sehr gering. In beiden Jahren war das Mostgewicht der Varianten mit und ohne Heuwurmbefall nahezu gleich.

 

Tabelle 2: Botrytisbefall und Ertragsdaten vom Heuwurm befallener
und nicht befallener Gescheine (Frühburgunder, 1989)

 

% Botrytis
16.9. (ES35)

% Botrytis
22.9. (ES38)

g/Traube

° Oe

Befallstyp

ohne

0,52

19,0

101,4

84,4

mit

0,57

22,9

100,0

84,5

T-Test

*

**

n.s.

n.s.

n.s., *, **: nicht signifikant, bzw. signifikant (P= 0,05 bzw. 0,01)

 

Interpretation

Der Einfluß des Befalls der ersten Generation von Eupoecilia ambiguella auf den Botrytisbefall scheint nach den vorliegenden Untersuchungen vernachlässigbar gering zu sein. Mit dazu beigetragen hat vermutlich auch, daß im Jahr 1985 die Fraßschäden wegen der ohnehin sehr geringen Anzahl an Einzelblüten je Geschein und des insgesamt sehr geringen Gescheinsansatzes nicht durch einen geringeren Verrieslungsprozentsatz der verbleibenden Blütenteile ausgeglichen werden konnte. Die um nahezu 30% in ihrer Größe verminderten Trauben der Variante mit Heuwurmbefall waren deshalb wesentlich lockerer aufgebaut. Dies dürfte der Grund sein, warum trotz höheren Gescheinsbotrytisbefalls diese Trauben bei der Lese nicht mehr Botrytisbefall als die Kontrolltrauben hatten.

Im Jahr 1989 bei der extrem botrytisanfälligen Sorte hatten die Heuwurm-befallenen Trauben aber die gleichen Traubengewichte. In diesem Versuch war offensichtlich eine hohe Reserve an überzähligen Einzelblüten vorhanden, so daß die Fraßverluste bis zur Ernte durch bessere Entwicklung der verbleibenden Teile wieder vollständig ausgeglichen werden konnten. Trotzdem sind die Unterschiede im Botrytisbefall zwischen den beiden Varianten bei der Lese sehr gering. Offensichtlich wird die Entwicklung des Botrytisbefalls von anderen Faktoren (z. B. Bodenpflege, Düngung, Laubarbeit) wesentlich stärker beeinflußt.

Heuwurmtraube.jpg (6413 Byte)

weitgehend normal entwickelte Traube trotz Heuwurmfraß

In der Praxis kann trotzdem eine gewisse Korrelation zwischen Heuwurmbefall und Botrytis festzustellen sein. Diese dürfte aber auf der engen Korrelation zwischen dem Heuwurmbefall einer Lage und dem Befall in der zweiten Generation in der selben Lage beruhen. "Heuwurm-Befallslagen" sind oft auch Stellen mit starkem Sauerwurmbefall. SCHRUFT et al. 1988 fanden zwischen dem Befall der beiden Generationen in verschiedenen Anlagen ein Bestimmtheitsmaß von 61%. Da die zweite Generation den Botrytisbefall aber sehr stark beeinflussen kann ( SCHRUFT 1983, KAST und MUNDER 1990) täuscht diese Interkorrelation eine nicht vorhandene Beziehung zwischen der ersten Generation und dem Botrytisbefall vor. Auf einer ähnlichen Interkorrelation dürfte die bei SCHRUFT (1983) aufgeführte Korrelation zwischen dem Heuwurmbefall und Botrytisbefall beruhen. In dieser Arbeit wurden Korrelationen aus Spritzversuchsergebnissen berechnet, wobei dieselben Mittel in beiden Generationen auf der selben Parzelle eingesetzt wurden. Da die Wirkungsgrade der Mittel in beiden Generationen fast identisch sind (Bestimmtheitsmaß >80%) täuscht diese Interkorrelation eine nicht vorhandene biologische Beziehung zwischen Heuwurmbefall und Botrytis vor. In einer späteren Arbeit findet derselbe Autor ( SCHRUFT et al. 1988) beim Botrytisbefall ebenfalls keinen Unterschied in den Varianten mit und ohne Behandlung gegen die erste Generation.

Die offensichtlich geringe Bedeutung des Befalls der ersten Generation bei Eupoecilia ambiguella für den späteren Botrytisbefall ermöglicht es, Bekämpfungsschwellen ausschließlich auf der Basis des Ertragsverlustes festzulegen. Da eine wirtschaftlich relevante Ertragsminderung aber nur in Ausnahmefällen eintreten dürfte (siehe Einleitung) dürfte sich eine Bekämpfung selten lohnen. Beachtet werden müßte aber auch die mögliche Auswirkung des Befalls der ersten Generation auf die Dichte der Mottenpopulation der zweiten Generation. Dieser Einfluß ist aber nach den Ergebnissen von SCHRUFT et al. (1988) wohl sehr gering, denn in dieser Untersuchung wurde zwar die o. a. Beziehung im Wurmbefall der beiden Generationen, aber keine Beziehung zwischen Heuwurmbefall und den in der zweiten Generation in Pheromonfallen gefangenen Faltern gefunden.

Zusammenfassung

In zwei Versuchsjahren wurden insgesamt 2500 Gescheine markiert, die von der ersten Generation des Traubenwicklers (Eupoecilia ambiguella) befallen waren. Der Botrytisbefall dieser Trauben war bei der Lese im Gegensatz zum Sauerwurmbefall nicht oder nur unwesentlich höher als der Befall der nicht befallenen Vergleichstrauben. Der Botrytisbefall der Gescheine dagegen war deutlich höher. Die Reduktion des Gescheinsansatzes durch Heuwurm kann deshalb vom Botytisbefallsdruck während des Blütezeitraums abhängen.

Literatur

BASLER, P., BOLLER, E. (1976) : Der Traubenwickler in der Ostschweiz.II. Zur Bedeutung des Heuwurms.
Schweiz. Zeitschr. Obst- u. Weinbau 112 , 74-79.

KAST, W. K., (1993) : Untersuchungen zum Einfluß des Befalls der ersten Generation des Einbindigen Traubenwicklers (Eupoecilia ambiguella Hbn.) auf den Befall durch Botrytis cinera.
Mitt. Klosterneuburg 32 , 169-171

KAST, W. K., MUNDER, H. (1990): Untersuchungen zur Befalls-Verlust-Relation und wirtschaftlichen Schadensschwelle beim Einbindigen Traubenwickler (Eupoecilia ambiguella Hbn.). Journal of Plant Diseases and Protection 97 (1), 76-83.

SCHNEIDER, F. (1957): Gedanken zur Bekämpfung des Traubenwicklers in der Ostschweiz.
Schweiz. Zeitschr. Obst- u. Weinbau 93 , 245-249, 282-284.

SCHRUFT, G. (1983): Über die Beziehung zwischen Wurmbefall und Botrytis.
Die Wein-Wissenschaft 38 , 269-272.

SCHRUFT, G.; WOHLFARTH, P.; WEGNER, G. (1988): Untersuchungen zur Notwendigkeit der chemischen Bekämpfung des Einbindigen Traubenwickler (Eupoecilia ambiguella Hbn.) im Hinblick auf das Schadschwellenkonzept.
Die Wein-Wissenschaft 43 , 174-185.

Fußleiste